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Ausschnitte
aus dem Buch

Der
Einsiedler von Steinheim
genannt
China-Theuß
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Ein Wanderleben
zwischen Frieden und Krieg,
West und Ost,
zwischen
Kaiserreich und Diktatur.
Herausgeber:
Adalbert Feiler
Der Herausgeber berichtet:
Als kleiner Junge sah ich einmal, bei einer
Wanderung mit meinen Eltern im Steinheimer Becken, von weitem den
»Einsiedler« oder den »China-Theuß«. Er stand in seinem Garten - eine
markante Gestalt!
Seit ich in Steinheim lebe, inzwischen ein
Vierteljahrhundert, saß ich manche Stunde über den Manuskripten des
Sofonias Theuß, dem Großonkel meiner Frau. Immer wieder bemühte ich mich
seinen Lebensweg zu verfolgen, und allzu oft verirrte ich mich im
Labyrinth seiner Niederschriften. Original-Briefe, Zitate, Berichte,
Randbemerkungen in Büchern, von ihm selbst aufgenommene und entwickelte
Fotografien, Zeitungsausschnitte und Gesprächsnotizen bieten eine
unüberschaubare Fülle an Informationen.
Am 26. Februar 1941 beendete Sofonias Theuß
ein Manuskript, viele hundert Schreibmaschinenseiten lang, das er
überschrieb: »Ein Militärroman als politische Reisebetrachtung im
Wanderleben eines deutschen Soldaten«. Er legte diesem Roman seine
Tagebücher zugrunde, verarbeitete und kommentierte einschlägige Literatur
und aktuelle Politik.
Im Herbst 1985 bat mich der Förderer der
Steinheimer Heimatstube, Heinz Krause, den Lebenslauf des Sofonias Theuß
auszuarbeiten als Dokumentation für dieses Museum, in dem die
Theuß'sche
Chinasammlung (ext.) untergebracht ist.
Die von Sofonias Theuß in seinem Roman nacherzählten Erlebnisse konnten,
so zeigte es sich bald, in einen konkreten Zeitablauf und -zusammenhang
hineingestellt werden. Eine umfangreiche tagebuchartige Schilderung kam
dadurch zustande. Die Originaltexte ab 1916 spiegeln unmittelbar seine
damaligen Empfindungen. Auf das Erzählende wurde deshalb danach immer mehr
verzichtet. Ab 1919 vermittelt eine Auswahl seiner Niederschriften und
Fotografien den weiteren Lebensweg und Lebensinhalt.
Sofonias Theuß ist als erstes Kind in einer
Bauernfamilie im evangelischen Steinheim zur Welt gekommen. Als kleiner
Bub ging er wohl oft und gern zu den Großeltern im belebten Dorfzentrum.
Sofonias Theuß:
...Mein erster
Gebetsunterricht, der wurde mir in diesen Abendstunden bei meiner
Großmutter am Bett gegeben: "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende? Hin geht
die Zeit, her kommt der Tod. Wie unvermutet, wie behende, kann kommen
meine Todesnot. Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut: Mach's nur mit
meinem Ende gut!" Während meiner bewegten Pilgerfahrt, sehr oft in der
Heimat, als auch im fernen Asien und Afrika, dachte ich an jenes
Kindergebet....
...da spielten wir Kinder
mit buntglasierten Ton- und Hafenscherben, leeren Schneckenhäusern, und
mit besonderer Vorliebe sammelte ich die farbig glasierten Henkel alter
zerbrochener Töpfe, welche dann die Kühe waren in unserem kleinen
markierten Stall....
... im Frühjahr 1882 nahm
mich meine Mutter schweren Herzens bei der Hand und wir verließen an
jenem etwas unklaren, nebelumschleierten Frühlingsmorgen das Vaterhaus,
zogen mit recht wehmütigen und gemischten Gefühlen vor dem Haus an
meinem Vater vorüber, der gerade eine Fuhre saftigen Stallmist auf
seinen Wagen lud - etwas zaghaft bergan - den Pfarrsberg hinauf nach dem
damaligen oberen Schulhaus, nahe unserer Kirche. Als meine Mutter mit
mir in dem unteren Schulzimmer ankam, waren alle schon da, wir waren
also die Letzten. Die Kinder saßen in ihren Schulbänken, die Frauen und
Mütter standen umher und unterhielten sich. In dieser gemischten
Stimmung schob mich meine Mutter zu zwei Kameraden auf eine der letzten
Bänke, welche noch frei waren. So wie mich damals meine Mutter auf der
Schulbank platziert hatte, so blieb ich während meiner ganzen Schulzeit,
die ganzen sieben Jahre, mit meinen Kameraden vereint sitzen. Mir
scheint, dass schon von Anfang an die begabtesten Kinder auf die
vorderen P1ätze gesetzt wurden - eines späteren Wechsels bedurfte es
nicht mehr. Auf der Schulbank hatte ich an den mathematischen
Berechnungen wenig Interesse, denn ich war in all den ersten Jahren noch
nicht reif zum Denken, das alles zu verstehen, was man von uns Kindern
verlangte. Am meisten begeisterte mich jedoch die Landkarte mit den
verschiedenen farbigen Länderklecksen, den verschiedenen Weltteilen, die
alle von einer grünlichen Färbung umgeben waren und das alles Wasser
bedeuten sollte...
...mit 16 1/2 Jahren wurde
ich Fabrikarbeiter in der Württembergischen Cattunmanufaktur in
Heidenheim, weil eben das Geld fehlte, um einen Beruf zu lernen. Wer in
der Landwirtschaft entbehrlich war, musste zum Geldverdienen in die
Fabrik. Meinen Arbeitsplatz hatte ich dreieinhalb Jahre lang an ein- und
derselben Stelle in der Cattundruckerei am Hitzkasten einer
Druckmaschine. Es war eine Arbeit bei 40 bis 45 Grad Wärme mit ätzendem
und beißendem Farbengeruch, manchmal einer siedenden Hölle gleich....
... zu der damaligen Zeit
wanderte man zu Fuß am frühen Morgen von der Heimat zur Fabrik in die
Stadt (ca.7 km) und am Abend nach getaner Arbeit wieder zurück in das
Dorf. Diese tägliche Fußwanderung war für alt und jung der übliche
Sport; es war eine beglückende Zeit, wobei auf der Schwäbischen Alb noch
nicht einmal der heute allgemein übliche Rucksack erfunden war. Denn
jeder Arbeiter packte am Morgen seine wenigen Lebensmittel für den
Tagesbedarf in das übliche bunte Tüchlein, klemmte es unter den Arm und
begab sich auf die Landstraße, wo er sich mit anderen traf und dem
Arbeitsplatz zuwanderte...
...im Frühjahr 1893 habe ich mich dem Turnverein in Heidenheim als
Turnerzögling angeschlossen. Obwohl es für mich etwas umständlich war,
neben meiner Arbeit von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends noch
regelmäßig die Turnstunden zu besuchen, bereitete mir die Turnerei Spaß
und Vergnügen. Die Turnstunden dauerten gewöhnlich von abends acht Uhr
bis gegen elf Uhr, dann hatte ich noch zu Fuß nach Steinheim zu gehen.
Somit war die Nachtruhe manchmal recht kurz bemessen, denn um vier Uhr
früh war schon wieder Tagwache, und die Reise nach Heidenheim begann
auf's Neue...
Nach einfacher Volksschulbildung und
einigen Jahren Fabrikarbeit wurde er zu den Gelben Dragonern nach
Stuttgart eingezogen.
...im Jahre 1894 durfte
ich die Stelle des Stalljungen beim Generaldirektor Meebold antreten...
Am Sonntag, wenn im hohen Herrschaftshaus die Arbeit drängte, nahm man
mich mit, und wir putzten Schuhe und Stiefel... An Weihnachten und an
Ostern kam der schmucke Generalstäbler, Hauptmann Berrer... Wenn ich
dann seine hohen und schönen Soldatenstiefel mit den silbernen Sporen
bürstete, stand vor mir ein Zukunftstraum, angesichts dessen meine
Hochachtung vor all dem Militärischen Glanz ins Grenzenlose und
Unbeschreibliche stieg...

Der Gefreite Theuß im Jahre
1896
Bei den Gelben Dragonern in Stuttgart
führte ihn sein Lebensweg als Ordonnanz zum Baron Freiherrn Max von
Gemmingen-Guttenberg. Bei Ausritten mit Gemmingen um Stuttgart ergaben
sich persönliche Gespräche, die den jungen Sofonias geistig hinausführten
über das konfessionelle Blickfeld des Schulprotestanten.
Während der Reise nach China geschah auch
die räumliche Ausweitung seines Gesichtsfeldes. Er tauchte ein, wenn auch
nur als Soldat, in die äußere Welt des Buddha und des Konfuzius und lernte
gefühlsmäßig den östlichen Menschen kennen.
...Als ich am 13. August
1900, wie gewöhnlich, in der Reiterkaserne in Stuttgart die Pferde
gefüttert hatte und zur leeren Wohnung zurückkehrte, um endgültig nach
Straßburg abzureisen, übergab mir Metzgermeister Lindel ein Telegramm
meines Hauptmanns: »Bleiben Sie dort, wir gehen nach China, Möbel
zurückrufen, komme nachts. Gemmingen«...
12. September 1900: Als
ich morgens an Deck kam und mich umschaute, dachte ich: »Siehe, es war
wüst und leer!« Wir befanden uns mitten in der Arabischen Wüste. Weit
und breit rotgelber Wüstensand, manchmal ein verkrüppelter Baum oder
Strauch, der vom wehenden Wüstensand halb verdeckt war. Auf einem
Karawanenweg bewegte sich eine große Kamelkarawane, bepackt mit Säcken
und Kisten; bald darauf einige kleine Hütten aus Schilf und Holz.
Am späten Vormittag erreichte unser Schiff die beiden Bitterseen und in
der Mittagszeit verließ es den Suez-Kanal. In Suez wurden die großen
elektrischen Scheinwerfer, die in Port Said am Schiff für die Nacht
angebracht worden waren, von einem kleinen Dampfer übernommen.
Unser Schiff setzte die Fahrt in das Rote Meer fort, das Wetter war
schön, die See war blau und vom Süden kam warmer Wind...
...Der Morgen des 14.
September brach schwül an. Von Afrika her wehte heißer Südwind, das
schwarzgraue Meerwasser roch schlecht - ich verstand nicht, warum man
diesem Pestmeer den Namen "Rotes Meer" gegeben hatte...
Am 15. September
verschlimmerte sich das Klima - am Nachmittag gab es schon viele kranke
Soldaten, und als die Nacht anbrach, war schon ein Mann gestorben. Unter
Deck war es bei Nacht nicht mehr auszuhalten. Um Mitternacht wurde die
Luft so schlecht, dass Männer der Schiffsbesatzung, die Nachtdienst
hatten, bewusstlos wurden. Der Kapitän ließ morgens das Schiff rückwärts
fahren, damit durch den Fahrtwind Luft in das Schiff gepresst würde.
Am 16. September wurde vor
sechs Uhr das Schiff halbmast beflaggt. Es wurde eine Seebestattung der
beiden gestorbenen Soldaten vorbereitet. Die Leichen wurden in grobe
Sackleinwand eingenäht, auf ein Eisenstück gelegt und mit Juterupfen
umwickelt. Um sechs Uhr versammelten sich die Offiziere und Soldaten im
Hinterschiff, wo eine kleine Ansprache gehalten wurde. Mann war an Mann
gedrängt. Wie eine Herde Schafe standen wir Soldaten an jenem
Sonntagmorgen in der üblen, stickigen Meeresluft an Deck, am Ausgang des
Roten Meeres. Während vier Männer der Schiffsbesatzung mit ihren
Blechinstrumenten den Choral spielten, »Jesus meine Zuversicht«, wurden
die Verstorbenen, einer nach dem andern, über die Reling gehoben und dem
schwarzgrauen Meerwasser übergeben. Nach dieser einfachen und
ergreifenden Feier sahen wir Soldaten in banger Erwartung unserer
weiteren Zukunft entgegen.
Am 16. Oktober wurde Taku
im Golf von Petschili erreicht. Wir erfuhren, dass sich die Chinesen
sehr weit in das Land zurückgezogen hatten und nicht mehr kämpfen
wollten. Wir waren enttäuscht - hatte doch Kaiser Wilhelm II. in seinem
Scheidegruß an das Ostasiatische Expeditionskorps in Bremerhaven uns
angefeuert, auch wegen der Ermordung des deutschen Gesandten in Peking,
Freiherrn von Ketteler, am 18. Juni 1900:
»Die Aufgabe, zu der ich Euch hinaussende, ist eine große. Ihr sollt
schweres Unrecht sühnen. Ihr sollt fechten gegen eine gut bewaffnete
Macht, aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten,
sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr an den Feind, so
wird er geschlagen, Pardon ·wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht,
wer Euch in die Hand fällt, sei in Eurer Hand ...
Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen
Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig
erscheinen lässt, so möge der Name DEUTSCHLAND in China in einer solchen
Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa
einen Deutschen nur scheel anzusehen .. .«
In diesem Sinne waren wir vorbereitet, als Racheengel zu kommen.

Deutsche Soldaten der
Infanterie-Stabswache in Peking und rechts Sofonias Theuß 1901
In den ersten Monaten des
Jahres 1904 lebte in Deutsch-Südwestafrika der Herero- und
Hottentotten-Aufstand auf, wozu erst ganz im geheimen in der deutschen
Armee einige Truppen mobil gemacht wurden, welche zur Verstärkung nach
Südwestafrika gesendet wurden. Der militärpolitisch so aufmerksame Max
von Gemmingen hatte dies aufgegriffen. Alsbald verständigte mich der
Herr Major von seinem Plan und Vorhaben, wobei er mich frug, ob ich ihn
wieder begleiten würde für den Fall, dass er bei der Schutztruppe in
Südwestafrika eingesetzt würde. Es war klar, dass ich sofort zusagte.
Bei unserer damaligen Militärbegeisterung war es nur zu verständlich,
dass wir beiden Soldaten alle Behaglichkeit, die wir in Stuttgart in den
letzten Jahren wieder genossen hatten, gerne einem etwas unruhigen
Feldleben opfern wollten. Das alles war nun einmal der impulsive
Tatendrang junger Menschen, die jederzeit in das Blaue hineinjagen - mit
einer gewissen Abenteuerlust - wenn irgendwo am runden Erdball ein Krieg
entfacht war. Einen wirklich zwingenden Grund hatte von uns beiden
Soldaten keiner, höchstens, dass sich der Major an der aufgeblähten,
überspannten menschlichen Gesellschaft in Europa sowie am deutschen
Paradedrill in der Heimat und dem schablonenmäßigen Bürodienst einen
gewissen Ekel angelebt hatte...

Reiter in Deutsch-Südwest,
Mitte: Sofonias Theuß
Durch die bitteren Erfahrungen mit den
christlichen »Herrenmenschen« distanzierte er sich von der Institution der
christlichen Kirche. In den beginnenden zwanziger Jahren kam er mit
Menschen zusammen, die mit ihm, jetzt auch in Westeuropa, östliches
religiöses Gedankengut pflegten. Doch löste sich bald diese Verbindung
wieder.

Erntearbeiten bei Steinheim
1. Weltkrieg

Sanitätshundeführer
Sein ganzes Leben suchte er nach der
gerechten, wahrhaften Autorität, einer Art Vatergestalt. In der Kindheit
und Jugend empfand er diese noch in der Person seines Kaisers. In
schwierigen Situationen des deutschen Volkes fiel er immer wieder zurück
in diese Empfindungswelt.
... mit dem landesüblichen
patriotischen Kraftgesang und überaus reichlich mit Blumen bekränzt,
zogen die Soldaten durch die Straßen der Stadt München, dem Bahnhof zu,
dem Kampf entgegen in das Feld und in das Verderben. Ob all das im Leben
der Menschen normal war! Ich wusste es nicht!
In diesem Münchener Begeisterungsrausch fragte ich einen meiner
Kameraden in der Dachauer Straße, wo denn die Soldaten die vielen,
vielen Blumen her hätten, die sie an die Mützen gesteckt und in ganzen
Bündeln an die Gewehrläufe gebunden haben? »Diese haben sie alle selbst
in den Blumenläden gekauft - das ist in München so Mode!
Auch wir schmückten uns dann, vor allem unsere schönen, treuen
Sanitätshunde, mit bunten Bändern und Straußen, dann wanderten wir am
24. Oktober 1914 zum Güterbahnhof Laim, zur Abfahrt an die Front...
24. Oktober 1915:
In Buxières holte ich im Weinberg zwei Ableger
einer Palmenart, der Yucca gloriosa. Damals, als ich im Schlossgarten
die schwarzen Kirschen auf dem Kirschbaum aß, entdeckte ich die
stattliche Palme, die drei Blütenstängel ausgetrieben hatte. Sie waren
damals noch ungleich entwickelt, aber ich hatte erkannt, dass hier etwas
Schönes entstehen konnte. Wenn mich dann im Juli mein Weg nach Buxières
führte, so besuchte ich jedes mal diese Palmenpflanze. Die drei
Blütenstängel wuchsen immer weiter und eines Tages hatten sich die
reinweißen Blüten zu riesigen Maiblumenglocken entwickelt. An diesem
Blütenzauber konnte ich mich nicht satt sehen. So ging ich täglich zu
jener Stelle, wenn es mein Dienst irgend erlaubte.
Jetzt, im Herbst, als zwei kleine Pflanzenableger aus dem Boden ragten,
mit fünf oder sechs Blättern und einer Länge von zwanzig Zentimetern,
grub ich diese kleinen Pflanzen sorgfältig aus der Erde, schnitt sie am
Tiefpunkte am Mutterstamm und am Wurzelballen ab und nahm sie mit zu
meiner Waldhütte.
Auf der ganzen Gemarkung Buxières konnte ich kein weiteres Exemplar
dieser Pflanze finden. Bei meinen Auslandsreisen nach China und
Südwestafrika hatte ich viele Palmenarten angetroffen, aber eine Palme
in blühendem Zustand, mit diesen höchst vollendeten Blüten, war mir kaum
begegnet.
Beide Palmenstecklinge verpackte ich sorgfältig in feuchtem Moos, legte
sie in eine Feldpostschachtel, die ich am 26. Oktober meinen Eltern in
die Heimat schickte zur weiteren Behandlung und Pflege...
...Es müssen noch einige
große Wunder geschehen - himmlische und irdische - welche den Herrschern
und Ministern, sowie allen An- und Brandstiftern und zwar bei allen
kriegsführenden Parteien, die sich beiderseits immer auf den guten alten
Gott verlassen und in ihrer Naivität ausrufen: er möge in der gerechten
Sache zum Sieg verhelfen, wieder einen friedlichen Weg pflastern, der
für alle unsere menschlichen Sündenböcke wieder gangbar. Bei dem Wort
"gerechte Sache" muss ich immer an das viele, namenlos Zerstörte, an die
Wohnhäuser und Möbel, an die menschlichen Krüppel denken, die vor und
hinter unserer Front herumliegen. Spott und Schande heuchelt und schreit
zum Himmel aus dem Wort "gerechte Sache"...

Moritz Einstein, Sofonias
Theuß und zwei Krankenträger in Vigneulles
...Was ich an diesem
unvergesslichen Platz antraf und dabei den tieftraurigen Niederschlag
vom wahren Kriegsgeschehen in mir aufnahm, das war alles weit mehr als
herzzerreißend. Es war im wahrsten Sinne des Wortes bejammernswert: zu
ebener Erde, auf dem Rasen, lagen nebeneinander, auch unregelmäßig
verstreut, wie durcheinandergewürfelt, hunderte leicht- und
schwerverwundete Soldaten, die in ihrem Schmerz und Kummer wimmerten und
stöhnten und laut zum nächtlichen Himmel klagten, der sich mit seinem
dunklen Wolkenschleier über all den Menschen wölbte, über Freund und
Feind, über Gesunde und Kranke und Verstümmelte, sowie über Sterbende
und über die Toten.
Bald darauf schlugen hier in der Nähe wieder Granaten ein und da war es
herzergreifend, wenn die einzelnen verwundeten Kameraden in ihrer
Verzweiflung die Sanitäter baten mit heiserer Stimme: »Oh, Kamerad, nehm'
mich mit!« und so klang es immer wieder an mein Ohr: »Oh, Kamerad nehm'
mich mit, nehm' mich mit...«
Wir mussten mit unseren
Krankentragen wieder auf demselben schlimmen Weg, wie bisher, nach
Osten. Das Gelände war bei unserem Weitermarsch total versumpft, es war
wohl absichtlich vom Feinde zuvor überschwemmt worden. Bald tauchten wir
auf unserem beschwerlichen Marsch im nächsten Wald unter. Mühsam und
unter Aufbietung all unserer Kraft schafften wir die Verwundeten nach
einer weiteren Stunde in die Nähe des kleinen Fleckens Ville en Woevre.
Als wir uns diesem Ort näherten, landete soeben wieder ein ergiebiger,
ausgedehnter feindlicher Granatenhagel im Dorf. Eine Granate um die
andere flog mit dem üblichen brüllenden, heulenden Sirenenton, mit dem
eigenartigen unbehaglichen Zischlaut durch die Morgendämmerung, bis sie
mit ungeheurer Sprengkraft unter Klirren und Splittern an irgendeiner
Stelle explodierte, während wir Soldaten die Verwundeten den steilen Weg
am Dorfeingang hinuntertrugen. Hier, an einem großen Haus, bogen wir ins
Tor ein. Ich selbst empfand nach dieser langen Nacht große Müdigkeit und
völlige Ermattung. Dabei waren die Langschaftstiefel mit Wasser und
Dreck voll, der untere Teil der Kleidung mit Wasser und Schlamm getränkt
und das Oberhemd war nass vom Schweiß.
Ich suchte für mich und meinen Hund Wolf in einem überdeckten Schuppen
etwas Ruhe, während draußen einzelne feindliche Granaten einschlugen.
Nach einer Stunde wurde es aber eiskalt um mich. Ich machte die
schauerliche Entdeckung, dass die Soldaten, die ich erst jetzt sah und
neben denen und auf denen ich gelegen und geruht hatte, alle kalt und
erstarrt waren. Es waren Soldaten, die unterwegs beim Krankentransport
oder aber nach der Ankunft gestorben waren.
Mit seltsamen Gefühlen entfernte ich mich aus diesem Schuppen, dieser
nächtlichen Totengruft. Aber der greuliche Tag war noch nicht zu Ende,
ich musste zurück nach Braquis zu meiner Sanitätskompanie. Etwas
nördlich von Ville en Woevre, rechts der Landstraße, auf einem
Wiesengrundstück, hinter einem Stacheldrahtverhau, lagen sieben deutsche
Soldaten, wahrscheinlich ostpreußische Infanterie oder Brandenburger,
die hier beim Sturmangriff gefallen waren. Sie lagen da, wie sie die
feindlichen Kugeln und der Tod ereilt hatte, vornübergefallen oder nach
rückwärts gebeugt. Aber ein Soldat kniete mit dem rechten Bein auf der
Erde, sein linkes Bein war angewinkelt, der Fuß auf den Grasboden
gesetzt und vor ihm stand senkrecht sein Gewehr, der Gewehrlauf nach
oben, den der tote und erstarrte Soldat mit beiden Händen am oberen Teil
krampfhaft umschlossen hatte. Und der Kopf mit dem Stahlhelm war leicht
nach hinten geneigt, das bartumrandete blasse Gesicht dieses jungen
Helden starrte zum Himmel ...
...Doch von all diesem
Heldenwahn, der ehemaligen Kampfbegeisterung, bin ich angesichts der
blutigen Kämpfe an der Westfront vor Verdun gründlich geheilt und
kuriert, wo sich in mir unter dem Drang der Zeitereignisse ein wahrer
Ekel gegen alles militärische Heldenspiel und jeden Heldenschwindel
aufgebäumt hat, der alles in mir begraben, was mich einst in meiner
Jugend so begeistert und von dem ich geträumt hatte.
3. September 1916:
Schluss- und damit basta- für mich hat der Hundekrieg ein Ende...
...und so kamen denn die
schwarzen Novembertage von 1918, wo das für mich ganz unvorstellbare
geschehen konnte: Deutsche Generale im großen Hauptquartier berieten
ihren Kaiser und Monarchen zur Fahnenflucht nach Holland.
Jedem alten Soldaten muss
dies unverständlich bleiben, nach dem ihm während seiner militärischen
Dienstzeit die Kriegsartikel ... so oft und eindrucksvoll verlesen und
eingehämmert wurden...

Sofonias Theuß schrieb am 29. Februar 1932
Adolf Hitler anlässlich dessen Einbürgerung in Deutschland und dessen
Ernennung zum Regierungsrat in der Braunschweigischen Gesandtschaft in
Berlin und überreichte ihm gleichzeitig seine Denkschrift »Betrachtungen
und Erwägungen über die Volksnot und über die Wirtschaftskrise«. Auszug
aus Seite 10 dieses Briefes:
Wir vertrauen als
abgerüstetes Volk auf Gott und den zukünftigen menschlichen Anstand,
indem wir hoffen, dass die gegenwärtig noch in Waffen starrenden Völker
in der Welt in Zukunft kein friedliebendes und abgerüstetes Bruder- und
Nachbarvolk angreifen, ruchlos überfallen und ausrauben ...
... was unseren Völkern
Not tut, das sind nicht Waffen aus Stahl und Eisen, aus Gas und
Schwefel, sondern es muss der wirkliche Kulturmensch mit der Waffe des
Geistes erstehen, der mit Hilfe der Anwendung strenger Gesetze die
gesamte Menschheit auf einen für alle gangbaren Weg führt ...
Die Staatsmänner haben in
der Zukunft die Pflicht, alle Völkerstreitigkeiten auf friedlichem Wege
zu regeln und nicht wie bisher mit dem Schwert und verlogener
Geschäftspolitik, sondern mit der Waffe des Geistes und der Vernunft!
Nachsatz zum Bericht über
den Ersten Weltkrieg:
... und genauso lastet
heute im Zweiten Weltkriege von 1939 bis 1943 auf mir das selbe Gefühl,
das mir schon von Anbeginn, trotz aller unserer beinahe fabelhaften
militärischen Siege und Kriegserfolge, sagte, dass wohl auch in diesem
gegenwärtigen Krieg und Waffengang das deutsche Volk und seine
Feldarmeen letzten Endes vor Deutschlands Feinden unterliegen werden...
Es ist heute im
zwanzigsten Jahrhundert doch bedenklich, oder vielmehr tieftraurig und
beschämend gegenüber anderen Völkern, die in anderen Weltteilen in
Übersee noch etwas ruhiger leben, ·wenn sich die fortschrittlichen
Kulturnationen in dem so hoch zivilisierten Europa gegenseitig im Kriege
und im Heldenwahne die Schaufenster einschlagen, die Wohnbauten und
Kulturdenkmale zerstören und sich gegenseitig morden.
Die neuzeitliche moderne
und motorisierte Kriegführung der Menschen heute im zwanzigsten
Jahrhundert, wird in seiner katastrophalen Ausdehnung gefährlicher,
bösartiger und raffinierter; das alles zeigt uns Menschen die Gegenwart
in den Jahren von 1939 bis 1943, wo im Heldenwahne des Krieges Werte
zerstört werden, die unvorstellbar sind.
Diese Tatsachen und die
klare Erkenntnis sollte jeden ehrlichen und jeden denkenden Menschen
veranlassen zu einer tatkräftigen Mithilfe an einem neuen Völkeraufbau,
indem man mit vereinter Kraft in der friedlichen Zusammenarbeit nach
Mitteln und Wegen sucht, damit derartige Katastrophen wie der totale
Krieg vermieden und verhindert wird, indem die Menschen, alle an der
Zahl, sich freimütig und offen zu der These bekennen:
Krieg ist Wahnsinn! Krieg
ist ein Verbrechen an dem Volk und Vaterland sowie an der gesamten
Menschheit!
Daher nie wieder Krieg!
Die Waffen nieder!
Sofonias Theuß
Obere Ziegelhütte,
Steinheim, Kreis Heidenheim,
im April 1943

In Hitler sah er zunächst auch diese
autoritäre Gestalt, die ihn hoffen ließ, dass Deutschland wieder zur
Ordnung und zur inneren Ruhe findet. Er erlebte, wieder einmal, die große
Enttäuschung: die am Anfang der Hitler-Diktatur für ihn positiven
politischen Ansätze eskalierten sehr bald zur Unterdrückung der
individuellen menschlichen Freiheit, die ihm ein persönliches Anliegen
war.
1943
Auch heute früh zog die
Steinheimer Hitlerjugend nach Heidenheim (wahrscheinlich zum Film
"Stoßtrupp"), als die Kirchenglocken zum Gemeindegottesdienst gerufen
hatten. Ob der Film notwendiger ist für unsere ohnehin sehr verrohte
Jugend, als der Gottesdienst, darüber möge für die deutsche Zukunft
allein Gott entscheiden.
Alte Menschen mögen
eventuell aus mancherlei Gründen der Kirche fern bleiben, aber, wenn man
absichtlich, von führender Stelle aus, die Jugend vom Gottesdienst fern
hält und für Kampfhandlungen vorbereitet, wird sich das dereinst am
Volke selber bitter rächen.
So zieht sich durch sein ganzes Leben eine
gewisse Tragik: er wollte an der Zukunft als Individualität arbeiten, aber
er schaute immer wieder zurück zur imaginären Vatergestalt, die ihn nicht
frei ließ. Im Grunde war er tief religiös – ein Wanderer zwischen zwei
Welten - der östlichen und der westlichen. Sein Temperament, er war
Choleriker, ließ ihn den meditativen Gleichmut des Ostens nicht finden.
Das christliche Element, das liebende Vergeben, fiel ihm selbst im hohen
Alter schwer. Erst in einem seiner letzten Briefe schaut zwischen den
Zeilen etwas wie väterliche Milde hervor. Er schrieb an die junge Evamaria
Geiger und schilderte, gleichsam wie ein Resümee, die Frucht seines
Lebens. Zehn Tage später, am 25. August 1943 holte ihn die Gestapo ab, und
dann fiel er wieder zurück in sein kritisches, urteilendes
Gerechtigkeitsdenken.
An sich und die Welt stellte er hohe
Ansprüche in Bezug auf Gerechtigkeit, geistige Freiheit und Wahrheit.
Oktober 1944
In einem Land und
Volksstaat, wo man sich nicht mehr offen und ehrlich zu der Wahrheit
bekennen darf - wo man sich mit plumper Lüge und mit Bluff und gemeiner
Raffinesse durchhelfen muss, da hat wahrlich das Leben nicht mehr viel
Wert; denn so ein Volksstaat in der Lebensgemeinschaft, der ist reif zum
Untergang! Hitler ist der größte Schurke und niederträchtigste Schuft -
weil er seinem Volk eine glorreiche Friedenszeit und Wohlstand
vorgeheuchelt und vorgelogen hat. Dabei hat sich dieser verwegene
Staatsmann auf Abwege und auf gefährliches Glatteis begeben, das das
betrogene Volk durch die Rüstungs- und Kriegspolitik zu einer
Katastrophe und in den Abgrund führt.
Die Dummheit der Menschen
ist der beste Gradmesser und Seelenbarometer für die längere oder
kürzere Lebensdauer eines Krieges...
Und ich hoffe
zuversichtlich, dass nach diesem Kriegsdrama die wirklichen Urheber und
Schuldigen zur Verantwortung gezogen, festgestellt und barbarisch für
die Gemeinheit bestraft werden.

Dem Gleichheitsprinzip unter den Menschen
blieb er treu, gerade als es um sein eigenes Wohlergehen im Alter ging:
1943 - 1945 verbüßte er eine Freiheitsstrafe wegen Wehrkraftzersetzung,
siebzigjährig, zunächst im Gefängnis in Ulm. Gesundheitlich ging es ihm
nicht gut. Damit er wenigstens genügend Bewegung und zu essen hatte,
durfte er in der dortigen Küche arbeiten. Sein Schwager brachte ab und zu
dem Vorgesetzten, für dessen kranke Frau, ein Glas Honig vom Bienenstand
des Gefangenen als Dank für das Entgegenkommen.
Diese, nur auf seine Person bezogene
Zuwendung der Mitmenschen, auch das bekundete Mitgefühl der Steinheimer,
war ihm zuwider. So ließ sich Sofonias Theuß zum weiteren Strafvollzug,
ohne Wissen der Verwandten, versetzen. Sein letztes Reiseziel war Berlin.
Oktober 1944
Mein tägliches Gebet an
Gott!
Gott strafe Deutschland
mit seinem blinden, dummen, verlogenen, größenwahnsinnigen, verwegenen
und raubgierigen Führer! Deutschland verrecke!
Hitler verrecke, Himmler
verrecke, Goebbels verrecke, Göring verrecke,...
Herrgott, barmherziger
Vater, gebe Du mit Deiner himmlischen Allmacht dazu Deinen göttlichen
Segen, das es alsbald soweit kommen werde!
Deutschland verrecke!

Die gesunden Gefangenen transportierte man
vor der Invasion der Roten Armee im März 1945 nach Westen, die Kranken
blieben zurück.
Sofonias Theuß wurde am
26. März im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Hin geht die Zeit, her
kommt der Tod. Wie unvermutet, wie behende, kann kommen meine Todesnot.
Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut: Mach's nur mit meinem Ende gut!
Adalbert Feiler, Steinheim, 4. April
1986
Copyright beim Verlag
Heidenheimer Zeitung (ext.), 89518
Heidenheim.
Erhältlich beim Verlag Heidenheimer
Zeitung, sowie im Buchhandel und im
Bürgermeisteramt Steinheim (ext.), 89555
Steinheim.
ISBN Nr. 3-920 433-01-7
Alle s/w Fotos dieser Seite sind aus der
Sammlung von S. Theuß.
Die beiden letzten Farbfotos sind von
Gertrud Feiler.
Ein Link:
Persönlichkeiten und Charaktere in Steinheim (Seniorenakademie Heidenheim)
(ext.)