Fußwanderung
In der Ausgabe des Albuch-Bote Nr.31 vom 3. August 2006 bat ich für unsere
Heimatstube um „Heidenheimer Geschirr“, um Geschirr das wenigstens seit
1500 Jahren in unserer Gegend gewerbsmäßig hergestellt wurde bis zum
Anfang des 20. Jahrhunderts, bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Im
heimatkundlichen Museum auf Schloss Hellenstein, wo ich danach suchte, war
nämlich bis auf einen „Gutterkrug“ diesbezüglich nichts zu finden.
Erfreulich, wenn auf eine Bitte ein Echo kommt: Mit einem Scherben, einer
geschenkten Sauermilchschüssel, ging ich hinauf zur Heimatstube im
Steinheimer Klosterhof – und da musste ich mich schon über mich selbst
wundern: Offensichtlich habe ich bei meinen letzten zugegebenermaßen
seltenen Besuchen dort, alles mögliche gesehen, nur das „Heidenheimer
Geschirr“ ist mir nicht aufgefallen. Das „Heidenheimer Geschirr“, nein!!!
das „Steinheimer Geschirr“ gibt es noch! In der alten Küche in der
Heimatstube da steht es im Regal, das Gebrauchsgeschirr von damals:
handfest, gewichtig, solid - in Ziegelfarben, glasiert in gelbem Beige,
dunkelbraun oder grünlich - und schmucklos aber praktisch. Ein ganzer
Stapel „Scherben“ mit dazugehörigen Weissbuchenbrettchen, Schüsseln,
Milchhäfen, ein Schmalzhafen, Häfen zum Einlegen von Eiern in Wasserglas,
eine Ganskachel und sogar eine runde Bettflasche gefüllt mit Sand und...
und... und.... –
Bei der heimatkundlichen Wanderung des Evangelischen Kirchenchores am
Anfang der Großen Ferien zu den Tongruben im Untertal, an der Steinheimer
Gemarkungsgrenze zum Heidenheimer Stadtwald, konnten wir uns nur vage die
Häfnerprodukte vorstellen. Nun können wir in der Heimatstube die Produkte
unserer Handwerker aus u n s e r e r Tonerde, dem Steinheimer Ton,
anschauen.
Aber ein weiteres Echo kam: Der alte Schäfer, der Senior-Schäfer von
Sontheim, erzählte mir, von diesem Thema angeregt, von der „Beggahülb“
(der Bäckerhülbe), die am westlichen Meteorkraterrand, am Eichtorsträßle
liegt, an der Grenze zwischen Bauernwald und Staatswald.
Zur „Beggahülb“ geht man heute von Sontheim aus ein gutes Stück, zwei
Drittel, den Leimgrubenweg hinauf (warum nicht Lehmgrubenweg?) und zweigt
noch vor dem Hohlweg links ab, 100 m bis zum vorspringenden Waldteil, in
dem ein Waldweg rechts in leichtem Linksbogen hinaufführt, hinauf zum
uralten frühmittelalterlichen Überlandweg. Dieser Weg ist allerdings nur
noch zu ahnen.
Er führte seinerzeit direkt von Südheim (das heutige Sontheim), eine
Nachfolgegründung der Alemannischen Siedlung dort, am Nordhang des Birkel
hinauf zum damaligen Stockheim und weiter hinüber zum „Alten Postweg“ und
nach Norden zum „Alten Zigeunerweg“.
Dabei kommt man direkt rechts an der „Beggahülb“ vorbei - und die
Erzählung des alten Schäfers gibt dadurch erst einen Sinn: „Es sollen die
Bäcker, die betrügerisch am Brotgewicht gespart haben, dort zur Strafe in
einem geschlossenen Korb in die Hülbe getaucht worden sein.“ Der
frühmittelalterliche Strafvollzug fand damals noch in der Regel außerhalb
der Ansiedlungen statt, oft aber an Überlandwegen die zum Hoheitsgebiet
dessen gehörte, der Herr war über Stock und Galgen.
Wenn man heute diese Hülbe anschaut, sie ist heute nicht mehr als eine
Suhle für das Wild, käme man nicht ohne weiteres auf diesen Gedanken. Doch
man muss bedenken, dass die „Beggahülb“ auf einer wasserundurchlässigen
Tonschicht, einem Wasserhorizont liegt, der einst kräftig Wasser führte
wie einst auch der Stockbrunnen. Und damit sind wir wieder am Anfang
unseres Themas: waren dort, an der „Beggahülb“ auch unsere Häfner am Werk,
wurde dort Tonerde gegraben? Übrigens, unser Schäfer berichtete von ganz
speziellen Vorkommen von Tonerde „da und dort“, die unsere Alten zu
Heilzwecken verwendeten – innerlich und äußerlich. Wo? – das hat er mir
nicht verraten, aber diese Tonerden dürften inzwischen ohnehin mit anderer
Oberflächenerde überdeckt sein – oder spürt das Wild an Plätzen „da und
dort“ diese Heilwirkungen und nützt sie noch heute in den Suhlen?
Aber die Tongruben auf der Westseite des Steinheimer Beckens, deren
Nutzung für die Häfnerzwecke bekannt ist, werden wir jetzt auch noch
besuchen.
Von der Beggahülb gehen wir wenige Meter weglos nach links und kommen so
auf einen grünen Waldweg der bergauf führt. Nach 100 m queren wir das
Eichtorsträßchen, gehen aber gerade aus einen lieblichen Waldweg weitere
300 m. So gelangen wir auf das querende Forchensträßchen. Dieses gehen wir
500m nach rechts und kommen so auf eine große Waldwiese, die Feldlesmäder
oder wie sie auch zuweilen genannt wird, die „Märchenwiese“. Nun wird es
etwas schwierig: Vorsichtig gehen wir diese Wiese auf der rechten Seite
500 m westwärts am Waldrand entlang bis die Wiese endet. Wenn wir hier
ohne Weg nach rechts gehen, kommen wir unmittelbar in dieses Gebiet, in
dem die Sontheimer Lehmgruben lagen. Eine Lehmgrube, direkt am
Zehnbuchensträßchen, auf das wir nach guten 100 m stoßen, hält das ganze
Jahr über Wasser
Auch diese Wanderung sollte möglichst im Frühjahr gegangen werden, weil
später im Jahr hier die Vegetation zu dicht wird.
Den Heimweg können wir über den Zehnbuchenweg nehmen bis hinunter nach
Steinheim.
Hier darf eine vage Vermutung ausgesprochen werden: Vom Ostrand der
„Märchenwiese“ führt der Feldlesmäderweg 300 m hinunter zu den Grabhügeln.
Die große Anzahl dieser Gräber lässt auf eine keltische Ansiedlung
zwischen den Gräbern und den Lehmgruben schließen (die Kelten waren
allerdings nicht sesshaft in unserem heutigen Sinne). Es ist bekannt, dass
die Kelten wie auch andere Urvölker kultische Mahlzeiten einnahmen aus
frisch gebrannten Tonschalen, die nach dem Mahl zerbrochen wurden.
So kann zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass schon die Kelten bei
uns getöpfert haben und damit könnten wir das Töpferhandwerk als das bei
uns am längsten ausgeübte Handwerk bezeichnen.