Die Kapelle
zum heiligen
Abt Wendelin in Westheim
Teil II: 1350
n. Chr.
Teil
III: Westheim
Es war
noch tiefe Nacht, als die Bauern und die Schäfer aus den umliegenden Höfen
und Weilern mit Rindern, Schafen, Schweinen und mit Federvieh zum
Viehmarkt nach Steinheim aufbrachen. Die Nacht war kühl und man wusste
nicht, ob der regenschwangere Himmel das Wasser halten oder ob der
Morgenwind die Wolken zum Brenztal hinüber treiben würde. Die Amseln
fingen an zu zwitschern, zuerst verhalten, dann sangen sie ihre
volltönende Melodie und es klang, als ob jeder Vogel das schönste Lied
singen wolle.
Heinrich vom Hohenberge trieb eine Kuh und einige Hammel die Rauhe Steige
herab und der kleine Joggele zog mit Schafen vom Felgenhof herunter. Simon
vom Bibersol trieb sein Schwein vor sich her und die Katharina trug eine
Gans von Sontheim nach Steinheim. Auch von Wenelenweiler im Wental, von
Louwesweiler im Schnepfental und oben von Babowang und Irmansweiler kamen
die Bauern mit ihrem Vieh. Alle zogen in der Nacht nach Steinheim zum
Viehmarkt.
Als
der Morgen graute, waren die meisten Bauern da. Sie trieben die kleinen
Tiere in Pferche und die Pferde und Kühe banden sie an Pflöcke. Es war ein
freudiges Begrüßen, hatten sich die Bauern doch lange nicht gesehen. Aber
es lag eine seltsame bedrückende Angst auf den Seelen der Menschen.
Niemand sprach aus, was jeder befürchtete.
Und
dann geschah es: Der Vieh-Hans, der Viehhändler vom Donautal, der jeden
Markt besuchte, machte heute keine Späße, er ging schweigend von einem
Stück Vieh zum andern und schien wie abwesend. Plötzlich lehnte er sich an
einen Baum. Er zitterte am ganzen Körper und sein Kopf glühte. Dann
stürzte er zu Boden.
Wie
ein Lauffeuer ging es durch den Ort; es raunte und flüsterte, wurde lauter
und brüllte: "Die Pest! Die Pest! Wir haben die Pest im Ort!"
Die
Leute verließen in Panik den Markt. Bald lag Steinheim wie ausgestorben.
Niemand wagte sich auf die Straße.
Nicht
lange, so hörte man, dass dieser und jener im Ort an der Pest gestorben
sei; dann wurden auch Menschen in entlegeneren Weilern krank und starben.
Westlich von Steinheim, an der Kreuzung der Straßen, die vom Unterland ins
Donautal und von der Lauterburg zur Burg Michelstein und weiter nach Ulm
führen, lag ein großer Bauernhof, den Stefan von Westheim vom Kloster
Königsbronn zu Lehen hatte. Stefan war ein herzhafter, mutiger Mann, der
sich vor nichts fürchtete. Als immer mehr Menschen starben, kam der eine
oder andere Bauer oder eine Bäuerin zu Stefan und bat ihn um Rat. Wenn auf
einem Hof nur noch die Frau mit einem kleinen Kind lebte, riet er oft, die
Herrschaft zu bitten, für sie zu sorgen. Das hatte aber meist die
Leibeigenschaft zum Kloster Königsbronn oder Anhausen, oder zur Herrschaft
Hellenstein zur Folge.
Aber
plötzlich starben auch Stefans Frau und drei seiner Söhne. Seine Tochter
Marie lag auf den Tod krank. Ein Mönch von Königsbronn saß Tag und Nacht
am Bett des bewusstlosen Mädchens. Er befahl peinlichste Sauberkeit, legte
Wickel auf und tupfte die Wunden aus.
Vom
Königsbronner Kloster ließ sich der Mönch geheimnisvolle Kräuter bringen.
In dem Kräuterkörbchen lag sicher das Kräutlein Beinwell, ein Büschel der
Mistel und eine Handvoll der Arnikapflanze. Auch der Wurzelstock der
Pestwurz und zerstampfte Kohle war dabei. Daraus bereitete der Mönch einen
Trank und den gab er Marie, wenn sie immer wieder aus ihrer
Bewusstlosigkeit erwachte. Das Kräutlein Beinwell verwendete der Mönch
aber zu kühlenden Umschlägen.
Stefan
frug den Mönch, was er selbst zur Genesung seiner Tochter tun könne, da
bedeutete ihm der Mönch, er möge am Bett des Mädchens niederknien und mit
ihm beten:
"O
lieber, heiliger Wendelin!
bitte für alle Gläubige,
besonders aber für die Landleute,
dass
sie der Worte des Heilandes
immer gedenken:
Suchet zuerst das Reich Gottes
und
seine Gerechtigkeit,
und
alles Übrige
wird
euch dareingegeben werden.
Amen"
Morgens und Abends vollzog der Mönch mit Stefan dieses Gebet. Nach Tagen
schien sich eine Besserung anzudeuten.
Dankbar erzählte Stefan dies den von den Höhen kommenden Bauern und
Schäfern. Eine geringe Hoffnung flammte auf, dass die Pest, diese
Gottesgeißel, von den Menschen genommen würde.
Nie
zuvor hatten die einfachen Menschen des Albuch vom Heiligen Abt Wendelin
gehört, doch sie beschlossen, zu Ehren des Heiligen eine Kapelle zu bauen
und Stefan gab dazu den schönsten Platz seines Hofes, direkt an der
Straßenkreuzung unter einer mächtigen Eiche.
Bald
wurde die Kapelle geweiht und der Mönch, der die kleine Marie gepflegt
hatte, predigte vom Heiligen Abt Wendelin:
"Als
Wendelin, ein schottischer Königssohn, König werden sollte, hüllte er sich
stattdessen in ein Pilgergewand, wanderte durch England nach Süden und
segelte über das Meer. Er durchstreifte das Frankenland und als er an der
Mosel bei Trier durch einen Eichenhain kam, war es ihm, als solle er hier
leben und beten. Allein weilte er dort im Gebet versunken. Die Menschen
bat er um Almosen um sein Leben zu fristen. Doch ein Edelmann wies ihn
zurück und sagte: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" Da
verdingte sich Wendelin, der Königssohn, als Schafhirt bei dem Edelmann.
Er pflegte und hütete die Schafe so umsichtig, dass die Herde bald doppelt
so groß war, und nie zuvor waren die Schafe so gesund, die Wolle so fein
und die Milch so fett. Und die Weide grünte auch im heißesten Sommer mit
den auserlesensten Kräutern und Gräsern. Der Edelmann empfand bald eine
tiefe Ehrfurcht vor seinem jungen Schafhirten und er gab ihm eine Klause
nahe dem Kloster Tolley. Als eine Zeit ins Land gegangen war, starb der
betagte Abt dieses Klosters. Die dortigen Brüder kamen zu Wendelin und
erhoben ihn zu ihrem neuen Abt. Wendelin liebte die Menschen, er liebte
das Landvolk und er erflehte bei Krankheiten des Viehs gar oft Hilfe am
Throne Gottes.
Als um
Trier vor einem Menschenleben die Pest ausbrach, wendeten sich die
Menschen in ihrem Gebet an den Heiligen Abt Wendelin, und siehe, die Pest
hörte auf.
Betet
also fortan hier in dieser Kapelle, liebe Brüder und Schwestern, sooft ihr
hier vorbeikommt. Betet, wie ich es mit Stefan lange Tage geübt habe.
Rufet den Heiligen an.
Und
behaltet im Gedächtnis:
"Suchet zuerst das Reich Gottes und seine
Gerechtigkeit und alles Übrige wird euch
dareingegeben werden.
Amen"
Und
die Pest ließ in ihrer Heftigkeit nach und verschwand schließlich. Doch zu
viele Menschen waren an der Pest gestorben, so viele, dass die Weiler und
Höfe in der Umgebung von Steinheim verödeten. Bald überzog der Wald die
Felder und Bäume wuchsen aus den eingefallenen Häusern.
Informationen zu „Die Kapelle zum heiligen Abt Wendelin“
Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden
Württemberg, 7. Auflage 1994
Nr.
7326 – Heidenheim an der Brenz
Westheim, Planquadrat 77/95
1346
bis 1351 wütet die Pest, sie rafft 1/4 der Bevölkerung Europas dahin. Die
furchtbare indische Pest verheert, ausgehend von Südfrankreich, den ganzen
Kontinent.
Als
Graf Ulrich d.J.(II.) 1375 stirbt, hinterlässt er beträchtliche Schulden.
Als Ursache hat man die unglücklichen Ereignisse jener Zeit zu betrachten,
insbesondere die Pestepidemie. Güter werden an Albrecht von Rechberg für
8000 Pfund Heller versetzt. Gräfin Anna von Helfenstein hält den Besitz so
gut es geht zusammen.
Westheim Planquadrat 77/95,
Siedlung im Westen", (siehe auch Nordheim und Scheffheim)
Ehemals selbständige Siedlung w von Steinheim. In Steinheim aufgegangen.
Aus
merowingischer Zeit (7. Jhdt.) sind um Steinheim (Westheim) zwei
Reihengräberfelder bekannt.
In das
7. Jahrhundert fallen die Gründungen der
"-heim-Orte" (Nord-, Ost-, Süd-(Sont-) und Westheim, an der Peripherie
Scheffheim und Stockheim, mit einer Zentrumsfunktion des Ortes Steinheim).
Die
"orientierten -heim-Orte" gelten als besonderes Indiz für Königsbesitz.
Urkundlich belegt:
·
1446 "... von ihrem Dorff Westhain, das an die Marcktrecht zu
Stainhain stosset und in das Halsgericht gehöret ..."
Das
Kloster Königsbronn gibt bekannt, daß das Steinheimer Halsgericht mit
verständigen Leuten aus dem Dorf Westhaim zu besetzen ist.
·
1471 ... königsbronnische Anwesen in Westheim ...
·
1586 wird in einem Lagerbuch die Kapelle, die dem heiligen Wendelin
geweiht war, nicht mehr aufgeführt, nach der die heutige Steinheimer
Kappelstraße benannt ist. Sie wurde wohl in der Reformationszeit
aufgegeben. (siehe Abt Wendelin 1015)