Die
Augustiner-Chorherren
auf dem
Steinhirt
Teil II: 1187 n. Chr.
Teil
III: Steinheim, Klosterhof
Die Stifter des Chorherrenstifts
Es war
im Jahr 1187 zu Albeck, an der Handelsstraße, die von Nürnberg nach Ulm
führte.
Der
Domherr zu Augsburg, Berengar von Albeck, hatte sich mit seinem Bruder,
Witegow von Albeck, in der Burg am Alb-Eck getroffen. Berengars Stirn war
umwölkt von Sorgen. Witegow war der Grund nicht unbekannt und er hatte auf
dieses Gespräch gewartet. Die beiden Adeligen, der weltliche Witegow und
der geistliche Berengar saßen sich in einer Fensternische im Palas an
einem massiven eichenen Tisch gegenüber. Vor jedem stand ein Zinnhumpen:
tiefrot funkelte darin der Wein. Witegow wartete, dass der Bruder sein
Anliegen vortrage. Er schaute über die festen Zinnen seiner Burg weit
hinaus, über Langenau, einer damals schon volkreichen Ansiedlung, bis weit
in das Donaumoos hinein und weit über die Albausläufer im Nordosten.
Berengar räusperte sich und begann: "Du weißt, das Chorherrenstift, das
wir vor fünf Jahren auf dem Michelsberg bei Ulm gegründet haben, ist
bereits bis auf die letzte Zelle bewohnt. Durch die Ländereien und durch
die Pfründe des Stifts lässt es sich dort leben. Mit dieser Gründung haben
wir den Lebensunterhalt unserer älteren Verwandten und Freunde aus dem
geistlichen Stand, die zu verarmen drohten, gesichert. Nun aber kommt
bereits die nächste Generation. In den Domstädten - ich spreche jetzt von
Augsburg - wächst die Zahl derer, die im Domkapitel tätig sind und die von
ihrer Familie nicht das nötige Vermögen haben, um standesgemäß in der
Stadt leben zu können."
Witegow stieg das Blut in den Kopf: "Sind wir verpflichtet, für die ganze
verarmte Verwandtschaft zu sorgen? Barbarossa wird zum Kreuzzug aufrufen
und seine Majestät wird ihn anführen. Sollen sich die frommen Habenichtse
doch von den nächsten Verwandten eine bescheidene Ausrüstung geben lassen
und sich dem Kreuzzug ins heilige Land anschließen! Das wäre ihre
Christenpflicht, ja, für die Geistlichen eine Wallfahrt nach Jerusalem!"
Berengar runzelte die Stirn ob der harschen Antwort des Bruders. Da trat
Bertha ein, die Helfensteinerin, Witegows Ehefrau und begrüßte herzlich
ihres Gatten Bruder. Doch als sie in das Antlitz ihres Gatten schaute,
erstaunte sie und fragte: "Habt ihr einen Grund zum Streit? Du schaust so
unwillig drein! Wenn dein Bruder schon einmal zu Albeck weilt, müssten wir
uns freuen und die Zeit mit angenehmen Dingen verbringen."
Witegow antwortete: "Ach, schon wieder sollen wir für die Domherren eine
Bleibe schaffen - und wahrscheinlich in fünf Jahren schon wieder!"
Berengar beschwichtigte den Bruder: "Es ist jetzt eine Zeit des Umbruchs.
In den Städten regen sich die Patrizier - mit ihrem Handel werden diese
reich. Der Hochadel wird ein Gegengewicht schaffen müssen, damit er nicht
verarmt. Es ist Land zu roden für die Bauern. Der Flachsanbau muss
umfangreicher werden. Wir müssen mehr Garnspinner und Leineweber
ansiedeln. Das Töpferhandwerk müssen wir ausweiten. Das geht aber nur
durch die Klöster oder aber, und das ist unsere Aufgabe, durch
Chorherrenstifte, denn die Chorherren kennen das Leben in den Städten und
die Märkte dort. Ein Bindeglied müssen wir schaffen zwischen dem Land und
den Städten."
Witegow machte eine wegwerfende Handbewegung: "Du weißt, das Stadtleben
mag ich nicht!"
Worauf
Berengar mit einem neuen Argument entgegnete: "Sollen wir unsere adeligen
Brüder in die Klöster stecken, in denen sie dem Abt gehorsam zu Kreuze
kriechen müssen? Das kann man von Unsereinem nicht verlangen. Stelle Dir
vor, ein Chorherr, der bisher seinem Stand entsprechend verantwortlich
gelehrt, gehandelt und entschieden hat, muss sich im gesetzten Alter einer
Hierarchie unterwerfen, das kann nicht gut gehen."
Bertha
lehnte während dieses Gespräches an einem Fenstersims in der Nähe und
hatte scheinbar unbeteiligt zugehört, doch jetzt erhob sie ihre Stimme:
"Mein lieber Witegow, Berengars Argumente leuchten mir ein und wir haben
doch diesmal noch eine Möglichkeit, ein weiteres Chorherrenstift
einzurichten. Auf dem Steinhirt in Steinheim stehen nur alte Hütten ohne
Befestigung. Wir müssten dort ohnehin baulich etwas tun. Mein Bruder, der
Helfensteiner, zeigte schon Interesse an meiner von uns vernachlässigten
Steinheimer Mitgift. Wir könnten unseren Besitz auf dem Steinhirt mit der
Einrichtung eines Stifts mit Leben erfüllen."
Witegow brummte etwas in seinen Bart, aber er war ritterlich genug, seiner
Frau ein Kompliment zu machen: "Meine Edle, meine täglichen Geschäfte
haben mir offensichtlich den Blick für das Große in dieser Angelegenheit
verstellt. Ich werde mit meinem Bruder deine Gedanken nachvollziehen."
Die
Gräfin Bertha zog sich zurück. Witegow blickte ihr nach, dabei flog ein
Lächeln über sein ernstes Gesicht. Er wandte sich seinem Bruder zu und
sagte: "Es ist schon ein Glück für dich, dass ich eine großartige Gräfin
zur Frau habe. Wollen wir in den nächsten Tagen nach Steinheim reiten und
prüfen, ob der Steinhirt, diese Steinwüste, für unseren Zweck geeignet
ist?"
Der Bau des Chorherrenstifts
Teil II: 1188 n. Chr
Auf
dem heutigen Klosterberg stand einst am Südhang, gleich hinter der Kuppe,
ein kleines Bauerngehöft.
Der
kleine Jakob hütete am Berg einige Schafe und Ziegen. Die Mutter bereitete
aus der Milch kleine Käse und der Vater pflügte im Frühjahr, mit der
einzigen Kuh, zwei oder drei Äcker und säte Hirse und Gerste.
Jakob
sah, wie drüben, im Süden, auf dem Anger unter der Burg Michelstein,
prächtige Zelte aufgebaut wurden. Dazwischen herrschte buntes Treiben.
Jakob
erzählte dies begeistert den Eltern beim Abendbrot. Der Vater blieb jedoch
ungewöhnlich wortkarg. Als die Mutter meinte, das Zeltdorf sei
wahrscheinlich die Vorbereitung eines Festes mit Ritterspielen anlässlich
des Geburtstages des Edelfräuleins, entgegnete der Vater etwas unwirsch:
"Der Amtmann von Steinheim hat mir und weiteren Bauern von Steinheim heute
befohlen, uns in den nächsten Tagen zur Fronarbeit bereit zu halten. Hier
oben, bei uns, soll gebaut werden; was, das weiß er selbst nicht. Ich
fürchte, wir werden auch noch unsere karge, steinige Weide hier oben
verlieren und damit das Futter für unsere Kuh." Die Mutter entgegnete: "
Jetzt laß' es erst einmal so weit kommen, dann werden wir weiter sehen.
Wenn wir die Albecker auch kaum sehen, sie waren uns gegenüber nie
ungerecht; sie sind eine gottesfürchtige Herrschaft."
Früh
am andern Morgen hatte Jakob gerade die Schafe und Ziegen auf die Weide
getrieben, zwischen das Steingeröll des Steinhirt. Vater und Mutter
arbeiteten noch im Stall. Da schritt der Amtmann von Steinheim den Berg
herauf und rief Jakob zu sich: "Bringe schnell deinen Vater zu mir!" Aber
da trat der Vater schon aus dem Stall, sah den Amtmann und kam herbei.
Ohne weiteren Gruß sagte der Amtmann: "Bergbauer, halte dich bereit, die
Albecker Herrschaft kommt noch heute hier herauf, Du weißt, der Witegow
und sein Bruder Berengar, der Chorherr zu Augsburg. Sie weilen seit ein
paar Tagen drüben zu Besuch auf Burg Michelstein. Wie ich weiß, bringen
sie Architekten und Bauleute mit."
Der
Bergbauer bekam einen roten Kopf und wollte gerade etwas entgegnen. Da
schnitt ihm der Amtmann das Wort im Munde ab: "Sei offen und demütig
gegenüber den Herren, gebe bereitwillig Auskunft, denn du kennst dich hier
am besten aus. Dann hoffen wir, dass es dein und unser Schaden nicht sein
wird." Damit drehte sich der Amtmann um und ging wieder dem Dorf zu.
Am
Nachmittag rumpelten schwere zweirädrige Ochsenkarren den Berg hinan. Die
Wagen waren beladen mit allerlei Werkzeugen: mit Spitzhacken und
Schaufeln, mit Hämmern und Meißeln, mit Äxten und Keilen, mit Rollen und
Seilen. Den Ochsenkarren folgten Bauleute: Maurer, Steinmetze und
Zimmerleute.
Als
dieser Zug die Höhe erreicht hatte, sprengte ein Trupp Reiter daher. Das
waren die Herren von Albeck mit ihren Gefolgsleuten.
Dem
kleinen Jakob blieb vor Staunen der Mund offen. Er hatte nie im Leben so
viele fremde Menschen gesehen. Die Ritter waren prächtig gekleidet. Die
Waffen und Schilde der Gefolgsleute glänzten und die Rosse stampften und
wieherten.
Der
gewappnete Ritter, Witegow von Albeck, rief den Amtmann und den Baumeister
zu sich: "Wir haben uns entschlossen", sagte er, "hier ein Chorherrenstift
zu bauen. Es findet sich in der Umgebung das Baumaterial: haltbares
Gestein, Sand und Lehm und auch Wasser. Drüben in unseren Waldungen wächst
das Bauholz."
Und
der geistliche Ritter, Berengar von Albeck, wandte sich an den Baumeister:
"Hier habe ich die Größe des Stifts skizzieren lassen: die Lage der
Kirche, den Wohnbereich, den handwerklichen und den bäuerlichen Teil des
Stifts." Damit überreichte der Chorherr dem Baumeister eine große
Pergamentrolle. "Untersucht den Baugrund, umfriedet das Gelände und
pflastert die Zufahrtswege und auch die Arbeitswege hinüber zum
Steinmetzplatz am großen Felsen dort und dann führt ihr die Gebäude auf
wie es nach den Regeln der Bauhütte recht ist.", damit wies er hinüber zum
größten Felsen in der Steinwirrnis. "Nun vergleicht den Plan mit den
tatsächlichen Möglichkeiten. Ihr seid mir verantwortlich für das gesamte
Bauwerk. Änderungen des Planes sind von mir zu genehmigen. Wir fordern
einen schnellen Baufortschritt. Im nächsten Jahr, im Herbst, werden wir
das Chorherrenstift einweihen und beziehen. Mein Schwager, der Edle von
Michelstein, erwartet jeden Sonntag, nach der Messe in Sankt Stefan, euren
Bericht über den Arbeitsfortgang."
Und
nun zu dir, Amtmann: "Ihr sorgt mir dafür, dass die fronpflichtigen
Untertanen mit Wagen und Zugochsen unablässig arbeiten. Ihr beschafft auf
Anweisung des Baumeisters die benötigten Wagen und Zugtiere wie auch das
Futter. Dann seid ihr mir verantwortlich für das Quartier und die Nahrung
der arbeitenden Bauleute." Damit entließen die Ritter den Amtmann, der
sich mit einer tiefen Verbeugung entfernte.
Der
Baumeister dagegen rief seine Gesellen herbei und ordnete die Arbeit an.
Einige vermaßen die Grundrisse, die Maurer suchten am Berg nach Sand und
fanden dort, wo heute oben am Bergkamm im Sommer Pferde grasen, feinen,
zum Mauern geeigneten Schneckensand. Die Steinmetze bearbeiteten
Steinquader auf dem Steinhirt und die Zimmerleute schulterten die Äxte,
zogen in den Wald und schlugen Stangen für die Gerüste und suchten die
Eichen aus, die im Winter für das Gebälk geschlagen werden mussten. Eine
Quelle wurde gefasst, wo heute der Kesselbrunnen liegt.
Für
Jakob war das beschauliche Schafehüten vorbei und die Mutter musste
alleine die Landwirtschaft versorgen: sie holte für ihre Tiere das Futter,
sie molk die Milch und erntete Hirse und Gerste. Sie fand keine Zeit mehr
zum Käse bereiten und anstatt knusprigem Brot gab es nur noch Hirsebrei zu
essen.
Das
werdende Stift war aber eine riesige Baustelle geworden. Anschließend an
das Gehöft von Jakobs Vater hatte man aus Holzstangen und roh behauenen
Brettern für die Ochsengespanne Ställe gebaut. Daneben standen des Nachts
Karren an Karren. Der Bergbauer weckte Jakob jeden Morgen vor
Sonnenaufgang. Die Bauern vom Dorf hatten am Vorabend noch Futter für die
Zugochsen gebracht, das jetzt verfüttert wurde. Auch die großen
Wasserfässer waren jeden Abend aufgefüllt worden. Eimer für Eimer trug
Jakob das Wasser den Zugochsen zu. Erst danach gab es für Jakob und seinen
Vater ein bescheidenes Frühstück. Nach dem Füttern wurden die Ochsen in
das Joch vor die Karren gespannt. Dann ging die Tagesarbeit los. Jakob
musste überall mit Hand anlegen. Wo es Hilfsarbeiten gab, wurde gerufen:
"Jakob, hol einen Lederriemen!" "Jakob, halte mir den Ochsen!" "Jakob, sag
dem Schmid, er soll kommen!" Gern aber führte Jakob ein Ochsenfuhrwerk mit
seinen Lieblingsochsen von der Baustelle zum Steinmetzplatz oder zur
Sandgrube und wenn der Karren beladen war wieder zurück zur Baustelle.
Wenn die Sonne brannte und die Schwüle drückend war und die Bremsen und
Fliegen die Tiere zu sehr umschwärmten, verscheuchte Jakob die
Insektenschwärme mit einem großen Laubwedel.
Das
Chorherrenstift wuchs in die Höhe: die Wohnräume der Chorherren, die
Kirche und die Wirtschaftsgebäude. Und eine Mauer umfriedete alles. Und an
die äußere Seite der Umfriedungsmauer lehnte sich das alte Bauernhäuschen
von Jakobs Eltern.
Eines
Morgens lag Schnee. Der Baumeister rief alle Leute zusammen und sagte:
"Heute ist Martini, wir beenden unsere Arbeit für dieses Jahr. Gehe jeder
in seine Heimat und im nächsten Jahr an Lichtmess kommt wieder her, dass
wir das Werk vollenden. Die Steinmetz- und Maurergesellen erhielten ihren
Lohn, die Bauern vom Dorf zogen mit ihren Ochsenkarren nach Hause. Nur die
Zimmerleute blieben den Winter über; sie fällten die Eichenbäume, aus
denen sie Balken für die Decken und für die Dachstühle schlugen.
Und
für Jakob und seine Eltern begann eine karge Winterszeit, hatten sie doch
im Sommer kaum Zeit gefunden, für den Winter Vorräte anzulegen.
Die Einweihung des Chorherrenstifts
Teil II: 1190 n. Chr.
Die
Glocke der Kirche des Chorherrenstiftes schwang und klang weit in das Land
hinaus. In dieses Läuten mischten sich die Glockenklänge der Kirche zum
Heiligen Petrus in Steinheim und zum Heiligen Stefan in Sontheim.
Eine
feierliche Prozession zog ein in die Stiftskirche zum Heiligen Nikolaus,
oben auf dem Steinhirt, durch das hohe Kirchenportal mit Fahnen und
Heiligenbildern. Voran der Augsburger Chorherr Berengar von Albeck im
Chorherren-Talar, dann Graf Witegow von Albeck mit seiner Gemahlin Bertha
von Helfenstein, gefolgt von den Gästen des Augsburger Domes. Die
Edelfreien von Michelstein über Sontheim schlossen sich an mit den Gästen
des Chorherrenstiftes vom Michelberg bei Ulm und den Abschluss der
Prozession bildeten die neuen Chorherren von Steinheim. Auf dem Stiftshof
drängten sich die Bauleute, die Steinmetze, die Zimmerleute, die Maurer
und die Bauern, die Fronarbeit geleistet hatten. Auch der Fahrweg von
Steinheim herauf zum Stift war gesäumt von neugierigen Menschen.
Jakob
stand am Kircheneingang auf der obersten Stufe der Freitreppe, nahe der
Flügeltür. Er sah, zwischen den geharnischten Wächtern hindurch, drinnen
auf dem Altar Kerzen brennen und die Chorherren in roten und weißen
Gewändern um den geschmückten Altar sitzen. Ein feierlicher Gesang
erfüllte den Raum und drang nach draußen. Ein Priester zelebrierte die
Messe in einer für Jakob nicht verständlichen Sprache. Jakob hörte zwar
jedes Wort deutlich, doch konnte er den Sinn nicht verstehen. Bald
schweiften seine Gedanken ab und er dachte an das vergangene Jahr. Vieles
war schön, das Richtfest und die Vollendung der Gebäude. Seine Mutter hat
ihm einen kleinen Bruder geboren und bald darauf durften sie in den neuen
Bauernhof im Stift einziehen. Aber es gab auch Trauriges: Martin, der
Steinmetzgeselle wurde von einem schweren Steinquader begraben und starb;
Florian, der Zimmermann, stürzte vom Dachstuhl und Vetter Joseph wurde von
einem Ochsenfuhrwerk überfahren: seither humpelt er und leidet immer unter
Schmerzen.
Und
dann begab sich noch etwas kurioses: eines Tages schritt ein ungewöhnlich
gekleideter Mann kreuz und quer über das Baugelände. Er hatte eine dünne
Holzgabel in der Hand, nur zwei Schuh lang. Diese hielt er nicht etwa am
Gabelstiel, nein, er hielt sie an den beiden Zinken fest und trug sie
waagrecht vor seinem Bauch. Jakob schien diese Art von Arbeit seltsam.
Jeder auf der Stiftsbaustelle musste schwer arbeiten und dieser Mann trug
nur die dünne, gegabelte Rute vor sich her, zwei oder drei Tage lang.
Jakob kam gerade dazu, wie der Baumeister zu diesem Mann gerufen wurde.
Der hielt in der Nähe, wo das Fundament für das Backhaus gemauert wurde,
seine Rute vor seinem Bauch. Diese schnappte jedes mal, wenn er sie
waagerecht ausstreckte, nach unten. Jakob dachte an Teufelswerk, denn er
war sicher, dass der Mann stark genug war, die einfache, dünne Astgabel
festzuhalten. Doch immer wieder schnappte der Astgabelstiel an einem
bestimmten Ort, nahe dem Backhaus, nach unten.
Am
nächsten Tag kamen neue Bauleute. Bei der Backhaus-Baustelle wurde in den
Boden ein Loch gegraben, vielleicht zehn Fuß im Durchmesser. Jeden Tag
schaute Jakob danach und jeden Tag war das Loch tiefer und schließlich war
es so tief, dass er die Leute, die dort unten arbeiteten nicht mehr sehen
konnte. Außerdem wurden ringsum in die Schachtwand dicke Balken gespannt
und über dem Loch stand ein großer Dreifuß aus Baumstämmen. An diesem war
eine Seilrolle befestigt, über die ein dickes Seil lief und an dem ein
großer Eimer hing. Männer zogen den Eimer, gefüllt mit Lehm, aus dem
Loch. Dumpf klang es von unten herauf, wenn die Männer dort unten
arbeiteten. Bald jedoch mussten Tag und Nacht Männer mit dem Eimer Wasser
anstatt des Lehms aus der Tiefe des Loches schöpfen. Dann kamen die
Steinhauer. Sie bearbeiteten Steine so, dass sie zu einem Kreis
zusammengesetzt werden konnten. Und alle diese Steine ließ man mit dem
Seil in die Tiefe. Nach vielen Tagen waren die Maurer mit ihrer Arbeit
fertig: sie waren oben am Schachtrand angekommen und sie hatten ein langes
Steinrohr senkrecht in das Loch gemauert. Und am Grund des langen
Steinrohres sah man in der dunklen Tiefe etwas wie ein helles Auge. Die
Männer sagten, das sei Brunnenwasser und der Grund des Brunnens sei über
50 Fuß tief. Und tatsächlich, nach einigen Tagen konnte man ganz klares
Wasser aus dem Brunnenschacht schöpfen.
Dann
schweifte Jakobs Blick über die Menschenmenge im Stiftshof und hinaus über
den Hügel. Dort, wo vor zwei Jahren ein wüstes Steinfeld lag, grünte es.
Alle losen Steine rund um das Stift hatte man zum Wegebau und zum
Befestigen des Hofes verwendet. Jetzt lag zwischen dem Stift und dem
Kesselbrunnen, dem anderen großen Brunnen für die Schafe und Kühe, eine
liebliche Wiese. Dahinter erhoben sich noch vereinzelt einige größere
Felsen. Die Steinmetze hatten viele Felsen aus diesem Steinfeld zu
Bausteinen verarbeitet.

(Bild von Adalbert Feiler)
Ein
mächtiger Choral erklang und weckte Jakob aus seinen Erinnerungen. Die
Messe war beendet und die Edlen traten aus der Kirche ins Freie. Auf dem
Hof wurde inzwischen ein Ochse am Spieß über dem Feuer gedreht und der
Bäcker zog frische Brote aus dem Backofen. Das war ein Festessen und jeder
wurde satt. Später kamen Spielleute, die zur Laute Lieder sangen. Das Fest
ging bis zum Abendläuten.
Nach
Tagen saß Jakobs Vater wieder einmal schweigsam beim Abendbrot. Die Mutter
fragte:
"Was
ist dir über die Leber gelaufen?"
"Ach,"
antwortete der Vater, "der Neuerungen sind es gar zu viele, mir wächst
alles fast über den Kopf. Vor drei Jahren hatten wir nur für uns und
unsere paar Tiere zu sorgen und ab und zu Frondienste zu leisten. Dann kam
der Stiftsbau hier - du weißt ja, in diesen zwei Jahren bin ich um zehn
Jahre gealtert - und heute sagt mir der Propst, dass Jakob eine solide
Ausbildung für die Arbeit hier bekommen soll, jetzt, wo Jakob mir endlich
zur Hand gehen könnte".
Dabei
seufzte der Vater. Die Mutter tröstete ihn: "Hast du nicht vor ein paar
Jahren auch nicht gewusst, wie es weitergehen soll? Du hattest Angst um
das Futter der Tiere, wenn hier gebaut würde und jetzt gibt es hier mehr
Futter als je zuvor. Außerdem leben wir hier nicht mehr einsam und auf uns
allein gestellt. Sei deshalb guten Mutes für die Zukunft. Jakob ist
gelehrig und praktisch, der wird viel lernen können. Für die Zeit seiner
Abwesenheit wirst du bestimmt einen Burschen vom Dorf bekommen, wenn du
den Propst darum bittest."
Und so
geschah es dann auch.
Informationen zu „Die Augustiner-Chorherren auf dem Steinhirt“
Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden
Württemberg, 7. Auflage 1994
Nr.
7326 – Heidenheim an der Brenz
Klosterberg, Klosterhof bei Steinheim, im Planquadrat 78/94
Zum
Augustinerorden: Am 13. November 354 ist Aurelius Augustinus in Thagaste
in der römischen Provinz Numidien (heute Algerien) geboren. Er wird Lehrer
der Rhetorik, hängt zunächst dem Manichäismus an, wird todkrank und
zweifelt an der Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis. Er lehrt sodann in
Rom, geht aber dann nach Mailand, wo er "zu Bischof Ambrosius kommt". Dort
lernt er an der christlichen Wahrheit - ganz im Sinne der platonischen
Zweistufenlehre - die sinnliche Form und den geistlichen Inhalt zu
unterscheiden. Ambrosius eröffnet ihm die Sicht auf einen christlichen
Platonismus. Es beginnt ein langwieriger Prozeß der geistigen und
sittlichen Annäherung an die intuitiv erfaßte neue Wahrheit.
Er
lernt, das Absolute als rein geistige Transzendenz zu denken. Der
Römerbrief (13, 13-14) bewegt ihn zutiefst und er entscheidet sich, sich
ganz dem christlichen Leben zu widmen (August 386, d.h. im 32.
Lebensjahr). Im Jahr 387 erhält er in Mailand die Taufe. In dem Gespräch
mit seiner Mutter, einer Christin, "an einem Fenster geführt", vollziehen
sie den Aufstieg der Seelen durch die Körper- und Geistwelt bis zur
ekstatischen Vereinigung mit der ewigen Weisheit.
Wieder
in Afrika, erhält er 395 die Priesterweihe und schließlich 396 das
Bischofsamt. Er muß erfahren, daß sich die christliche Existenz nicht in
einem beschaulichen Leben erschöpft, sondern daß sie zu öffentlicher
Tätigkeit aufgerufen ist.
Die
Vandalen bestürmen seine Bischofstadt, im dritten Monat der Belagerung, am
28. August 430 stirbt Augustin, ehe im neunten Monat die Stadt erobert und
verwüstet wird.
1183
wird das Augustiner-Chorherrenstift auf dem Michelberg bei Ulm gegründet
durch die Herren von Albeck (Witegow von Albeck, verheiratet mit Gräfin
Bertha von Helfenstein), treue Anhänger Kaiser Friedrichs I. und
zeitweilig Reichsvögte in Ulm.
1190
gründen Wittegowo d. Ä. von Albeck mit seinem Bruder Berengar, Geistlicher
und später Canonicus in Augsburg, das Augustiner-Chorherrenstift in
Steinheim.
Chorherren sind Mitglieder eines Domkapitels, also Mitglieder des
Priesterkollegiums an einem Dom, das den Chordienst versieht, bestimmte
Verwaltungstätigkeiten übernimmt und den Bischof berät. Bei dem
Steinheimer Augustiner-Chorherrenstift handelt es sich doch wohl um ein
Kollegiatstift, in dem adelige Geistliche, gleichberechtigt neben- und
miteinander, dem geistlichen Leben in einer klösterlichen Umgebung
nachgingen, mit einer umgebenden Landwirtschaft, ohne sich bedingungslos
in eine Klosterhierarchie einordnen zu müssen.
Über
spätere Erwerbungen des „Klösterleins“ (Augustiner-Chorherrenstift),
dessen Vogtei Witegowo sich vorbehalten hatte, ist nichts bekannt, doch
werden manche der später Königsbronnischen Klostergüter auf dem Albuch
dazu gehört haben wie Steinheim, Sontheim im Stubental, Gnannenweiler,
Neuselhalden, und Güter in Küpfendorf.
Spätestens im 13. Jahrhundert hat es in Steinheim eine zweite Kirche
gegeben, die man urkundlich ausdrücklich von der Pfarrkirche oder der
"unteren" Kirche unterschied. Sie war dem Hl. Nikolaus geweiht. Doch ist
aus späterer Zeit nichts mehr über sie bekannt. Dies kann damit begründet
werden, dass sie integrierter Teil des Chorherrenstifts auf dem
Klosterberg war.
Als
1238 die Steinheimer Pfarrkirche, die Peterskirche, vom Patronatsrecht
frei geworden war, hat Bischof Siboto (Augsburg) sie mit allen Einkünften
dem Chorherrenstift inkorporiert und dem Probst die Seelsorge in der
Pfarrei übertragen.
Klosterhof bei Steinheim
(Augustiner-Chorherrenstift)
Weiler
auf dem Klosterberg sö vom Ortszentrum von Steinheim, inzwischen in
Steinheim aufgegangen.
Gegründet von den Herren von Albeck, Wittegow und Berengar (Stammväter:
Adalbert von Stubersheim 1092 und dessen Sohn Berenger von Albeck
1107-1108),
Urkundlich belegt:
·
1190 Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts
·
1302 kauft König Albrecht I. für das geplante Kloster bei Springen
das Stift privat.
·
1303 wird der Abt von Salem von König Albrecht I. beauftragt,
unterhalb der Burg Herwartstein ein Zisterziensterkloster einzurichten.
Das Zisterzienserkloster erscheint
·
1308 erstmals unter dem Namen Königsbronn. Das Kloster beruft sich
auf die Gründungstradition des Steinheimer Chorherrenstifts.
·
1553 mit dem Ende des katholischen Klosters in Königsbronn zieht
Herzog Christoph von Württemberg (1550-68) das Steinheimer Gerichtsrecht
ein.
·
1584 wird der Klosterhof Steinheim als Erblehen verkauft und dann
vererbt, so geht er von Hand zu Hand.
·
1588 wird der Klostervertrag mit dem Haus Habsburg ratifiziert.
Württemberg ist erst damit Herr über Königsbronn. Die Klöster haben ihre
Eigenständigkeit vollständig verloren und werden unter herzoglichen
Beamten als Unterämter verwaltungstechnisch geführt.
·
1588 die wohl seit der Gründung des Chorherrenstifts bestehende
Nikolauskirche besteht nicht mehr.
·
1740 verkauft Johannes Hofele den Klosterhof an den Kirchenrat, die
Regierung in Stuttgart. Darauf wird der Hof verpachtet an Gemeinschaften
und Genossenschaften.
·
1806 wird das Klosteroberamt und damit die verwaltungstechnische
Trennung aufgelöst. Steinheim kommt zum Oberamt Heidenheim.
·
1819-1827 ist die letzte Pachtperiode (Regierung Stuttgart) für den
Klosterhof.
·
1828 muss die Gemeinde Steinheim den Klosterhof für 29.000 Gulden
von der Regierung kaufen.