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Spuren auf dem Albuch

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Die Augustiner-Chorherren

auf dem Steinhirt

Teil II: 1187 n. Chr.

Teil III: Steinheim, Klosterhof

 

Die Stifter des Chorherrenstifts

Es war im Jahr 1187 zu Albeck, an der Handelsstraße, die von Nürnberg nach Ulm führte.

Der Domherr zu Augsburg, Berengar von Albeck, hatte sich mit seinem Bruder, Witegow von Albeck, in der Burg am Alb-Eck getroffen. Berengars Stirn war umwölkt von Sorgen. Witegow war der Grund nicht unbekannt und er hatte auf dieses Gespräch gewartet. Die beiden Adeligen, der weltliche Witegow und der geistliche Berengar saßen sich in einer Fensternische im Palas an einem massiven eichenen Tisch gegenüber. Vor jedem stand ein Zinnhumpen: tiefrot funkelte darin der Wein. Witegow wartete, dass der Bruder sein Anliegen vortrage. Er schaute über die festen Zinnen seiner Burg weit hinaus, über Langenau, einer damals schon volkreichen Ansiedlung, bis weit in das Donaumoos hinein und weit über die Albausläufer im Nordosten.

Berengar räusperte sich und begann: "Du weißt, das Chorherrenstift, das wir vor fünf Jahren auf dem Michelsberg bei Ulm gegründet haben, ist bereits bis auf die letzte Zelle bewohnt. Durch die Ländereien und durch die Pfründe des Stifts lässt es sich dort leben. Mit dieser Gründung haben wir den Lebensunterhalt unserer älteren Verwandten und Freunde aus dem geistlichen Stand, die zu verarmen drohten, gesichert. Nun aber kommt bereits die nächste Generation. In den Domstädten - ich spreche jetzt von Augsburg - wächst die Zahl derer, die im Domkapitel tätig sind und die von ihrer Familie nicht das nötige Vermögen haben, um standesgemäß in der Stadt leben zu können."

Witegow stieg das Blut in den Kopf: "Sind wir verpflichtet, für die ganze verarmte Verwandtschaft zu sorgen? Barbarossa wird zum Kreuzzug aufrufen und seine Majestät wird ihn anführen. Sollen sich die frommen Habenichtse doch von den nächsten Verwandten eine bescheidene Ausrüstung geben lassen und sich dem Kreuzzug ins heilige Land anschließen! Das wäre ihre Christenpflicht, ja, für die Geistlichen eine Wallfahrt nach Jerusalem!"

Berengar runzelte die Stirn ob der harschen Antwort des Bruders. Da trat Bertha ein, die Helfensteinerin, Witegows Ehefrau und begrüßte herzlich ihres Gatten Bruder. Doch als sie in das Antlitz ihres Gatten schaute, erstaunte sie und fragte: "Habt ihr einen Grund zum Streit? Du schaust so unwillig drein! Wenn dein Bruder schon einmal zu Albeck weilt, müssten wir uns freuen und die Zeit mit angenehmen Dingen verbringen."

Witegow antwortete: "Ach, schon wieder sollen wir für die Domherren eine Bleibe schaffen - und wahrscheinlich in fünf Jahren schon wieder!"

Berengar beschwichtigte den Bruder: "Es ist jetzt eine Zeit des Umbruchs. In den Städten regen sich die Patrizier - mit ihrem Handel werden diese reich. Der Hochadel wird ein Gegengewicht schaffen müssen, damit er nicht verarmt. Es ist Land zu roden für die Bauern. Der Flachsanbau muss umfangreicher werden. Wir müssen mehr Garnspinner und Leineweber ansiedeln. Das Töpferhandwerk müssen wir ausweiten. Das geht aber nur durch die Klöster oder aber, und das ist unsere Aufgabe, durch Chorherrenstifte, denn die Chorherren kennen das Leben in den Städten und die Märkte dort. Ein Bindeglied müssen wir schaffen zwischen dem Land und den Städten."

Witegow machte eine wegwerfende Handbewegung: "Du weißt, das Stadtleben mag ich nicht!"

Worauf Berengar mit einem neuen Argument entgegnete: "Sollen wir unsere adeligen Brüder in die Klöster stecken, in denen sie dem Abt gehorsam zu Kreuze kriechen müssen? Das kann man von Unsereinem nicht verlangen. Stelle Dir vor, ein Chorherr, der bisher seinem Stand entsprechend verantwortlich gelehrt, gehandelt und entschieden hat, muss sich im gesetzten Alter einer Hierarchie unterwerfen, das kann nicht gut gehen."

Bertha lehnte während dieses Gespräches an einem Fenstersims in der Nähe und hatte scheinbar unbeteiligt zugehört, doch jetzt erhob sie ihre Stimme: "Mein lieber Witegow, Berengars Argumente leuchten mir ein und wir haben doch diesmal noch eine Möglichkeit, ein weiteres Chorherrenstift einzurichten. Auf dem Steinhirt in Steinheim stehen nur alte Hütten ohne Befestigung. Wir müssten dort ohnehin baulich etwas tun. Mein Bruder, der Helfensteiner, zeigte schon Interesse an meiner von uns vernachlässigten Steinheimer Mitgift. Wir könnten unseren Besitz auf dem Steinhirt mit der Einrichtung eines Stifts mit Leben erfüllen."

Witegow brummte etwas in seinen Bart, aber er war ritterlich genug, seiner Frau ein Kompliment zu machen: "Meine Edle, meine täglichen Geschäfte haben mir offensichtlich den Blick für das Große in dieser Angelegenheit verstellt. Ich werde mit meinem Bruder deine Gedanken nachvollziehen."

Die Gräfin Bertha zog sich zurück. Witegow blickte ihr nach, dabei flog ein Lächeln über sein ernstes Gesicht. Er wandte sich seinem Bruder zu und sagte: "Es ist schon ein Glück für dich, dass ich eine großartige Gräfin zur Frau habe. Wollen wir in den nächsten Tagen nach Steinheim reiten und prüfen, ob der Steinhirt, diese Steinwüste, für unseren Zweck geeignet ist?"

 

 

Der Bau des Chorherrenstifts

Teil II: 1188 n. Chr

 

Auf dem heutigen Klosterberg stand einst am Südhang, gleich hinter der Kuppe, ein kleines Bauerngehöft.

Der kleine Jakob hütete am Berg einige Schafe und Ziegen. Die Mutter bereitete aus der Milch kleine Käse und der Vater pflügte im Frühjahr, mit der einzigen Kuh, zwei oder drei Äcker und säte Hirse und Gerste.

Jakob sah, wie drüben, im Süden, auf dem Anger unter der Burg Michelstein, prächtige Zelte aufgebaut wurden. Dazwischen herrschte buntes Treiben.

Jakob erzählte dies begeistert den Eltern beim Abendbrot. Der Vater blieb jedoch ungewöhnlich wortkarg. Als die Mutter meinte, das Zeltdorf sei wahrscheinlich die Vorbereitung eines Festes mit Ritterspielen anlässlich des Geburtstages des Edelfräuleins, entgegnete der Vater etwas unwirsch: "Der Amtmann von Steinheim hat mir und weiteren Bauern von Steinheim heute befohlen, uns in den nächsten Tagen zur Fronarbeit bereit zu halten. Hier oben, bei uns, soll gebaut werden; was, das weiß er selbst nicht. Ich fürchte, wir werden auch noch unsere karge, steinige Weide hier oben verlieren und damit das Futter für unsere Kuh." Die Mutter entgegnete: " Jetzt laß' es erst einmal so weit kommen, dann werden wir weiter sehen. Wenn wir die Albecker auch kaum sehen, sie waren uns gegenüber nie ungerecht; sie sind eine gottesfürchtige Herrschaft."

Früh am andern Morgen hatte Jakob gerade die Schafe und Ziegen auf die Weide getrieben, zwischen das Steingeröll des Steinhirt. Vater und Mutter arbeiteten noch im Stall. Da schritt der Amtmann von Steinheim den Berg herauf und rief Jakob zu sich: "Bringe schnell deinen Vater zu mir!" Aber da trat der Vater schon aus dem Stall, sah den Amtmann und kam herbei. Ohne weiteren Gruß sagte der Amtmann: "Bergbauer, halte dich bereit, die Albecker Herrschaft kommt noch heute hier herauf, Du weißt, der Witegow und sein Bruder Berengar, der Chorherr zu Augsburg. Sie weilen seit ein paar Tagen drüben zu Besuch auf Burg Michelstein. Wie ich weiß, bringen sie Architekten und Bauleute mit."

Der Bergbauer bekam einen roten Kopf und wollte gerade etwas entgegnen. Da schnitt ihm der Amtmann das Wort im Munde ab: "Sei offen und demütig gegenüber den Herren, gebe bereitwillig Auskunft, denn du kennst dich hier am besten aus. Dann hoffen wir, dass es dein und unser Schaden nicht sein wird." Damit drehte sich der Amtmann um und ging wieder dem Dorf zu.

Am Nachmittag rumpelten schwere zweirädrige Ochsenkarren den Berg hinan. Die Wagen waren beladen mit allerlei Werkzeugen: mit Spitzhacken und Schaufeln, mit Hämmern und Meißeln, mit Äxten und Keilen, mit Rollen und Seilen. Den Ochsenkarren folgten Bauleute: Maurer, Steinmetze und Zimmerleute.

Als dieser Zug die Höhe erreicht hatte, sprengte ein Trupp Reiter daher. Das waren die Herren von Albeck mit ihren Gefolgsleuten.

Dem kleinen Jakob blieb vor Staunen der Mund offen. Er hatte nie im Leben so viele fremde Menschen gesehen. Die Ritter waren prächtig gekleidet. Die Waffen und Schilde der Gefolgsleute glänzten und die Rosse stampften und wieherten.

Der gewappnete Ritter, Witegow von Albeck, rief den Amtmann und den Baumeister zu sich: "Wir haben uns entschlossen", sagte er, "hier ein Chorherrenstift zu bauen. Es findet sich in der Umgebung das Baumaterial: haltbares Gestein, Sand und Lehm und auch Wasser. Drüben in unseren Waldungen wächst das Bauholz."

Und der geistliche Ritter, Berengar von Albeck, wandte sich an den Baumeister: "Hier habe ich die Größe des Stifts skizzieren lassen: die Lage der Kirche, den Wohnbereich, den handwerklichen und den bäuerlichen Teil des Stifts." Damit überreichte der Chorherr dem Baumeister eine große Pergamentrolle. "Untersucht den Baugrund, umfriedet das Gelände und pflastert die Zufahrtswege und auch die Arbeitswege hinüber zum Steinmetzplatz am großen Felsen dort und dann führt ihr die Gebäude auf wie es nach den Regeln der Bauhütte recht ist.", damit wies er hinüber zum größten Felsen in der Steinwirrnis. "Nun vergleicht den Plan mit den tatsächlichen Möglichkeiten. Ihr seid mir verantwortlich für das gesamte Bauwerk. Änderungen des Planes sind von mir zu genehmigen. Wir fordern einen schnellen Baufortschritt. Im nächsten Jahr, im Herbst, werden wir das Chorherrenstift einweihen und beziehen. Mein Schwager, der Edle von Michelstein, erwartet jeden Sonntag, nach der Messe in Sankt Stefan, euren Bericht über den Arbeitsfortgang."

Und nun zu dir, Amtmann: "Ihr sorgt mir dafür, dass die fronpflichtigen Untertanen mit Wagen und Zugochsen unablässig arbeiten. Ihr beschafft auf Anweisung des Baumeisters die benötigten Wagen und Zugtiere wie auch das Futter. Dann seid ihr mir verantwortlich für das Quartier und die Nahrung der arbeitenden Bauleute." Damit entließen die Ritter den Amtmann, der sich mit einer tiefen Verbeugung entfernte.

Der Baumeister dagegen rief seine Gesellen herbei und ordnete die Arbeit an. Einige vermaßen die Grundrisse, die Maurer suchten am Berg nach Sand und fanden dort, wo heute oben am Bergkamm im Sommer Pferde grasen, feinen, zum Mauern geeigneten Schneckensand. Die Steinmetze bearbeiteten Steinquader auf dem Steinhirt und die Zimmerleute schulterten die Äxte, zogen in den Wald und schlugen Stangen für die Gerüste und suchten die Eichen aus, die im Winter für das Gebälk geschlagen werden mussten. Eine Quelle wurde gefasst, wo heute der Kesselbrunnen liegt.

Für Jakob war das beschauliche Schafehüten vorbei und die Mutter musste alleine die Landwirtschaft versorgen: sie holte für ihre Tiere das Futter, sie molk die Milch und erntete Hirse und Gerste. Sie fand keine Zeit mehr zum Käse bereiten und anstatt knusprigem Brot gab es nur noch Hirsebrei zu essen.

Das werdende Stift war aber eine riesige Baustelle geworden. Anschließend an das Gehöft von Jakobs Vater hatte man aus Holzstangen und roh behauenen Brettern für die Ochsengespanne Ställe gebaut. Daneben standen des Nachts Karren an Karren. Der Bergbauer weckte Jakob jeden Morgen vor Sonnenaufgang. Die Bauern vom Dorf hatten am Vorabend noch Futter für die Zugochsen gebracht, das jetzt verfüttert wurde. Auch die großen Wasserfässer waren jeden Abend aufgefüllt worden. Eimer für Eimer trug Jakob das Wasser den Zugochsen zu. Erst danach gab es für Jakob und seinen Vater ein bescheidenes Frühstück. Nach dem Füttern wurden die Ochsen in das Joch vor die Karren gespannt. Dann ging die Tagesarbeit los. Jakob musste überall mit Hand anlegen. Wo es Hilfsarbeiten gab, wurde gerufen: "Jakob, hol einen Lederriemen!" "Jakob, halte mir den Ochsen!" "Jakob, sag dem Schmid, er soll kommen!" Gern aber führte Jakob ein Ochsenfuhrwerk mit seinen Lieblingsochsen von der Baustelle zum Steinmetzplatz oder zur Sandgrube und wenn der Karren beladen war wieder zurück zur Baustelle. Wenn die Sonne brannte und die Schwüle drückend war und die Bremsen und Fliegen die Tiere zu sehr umschwärmten, verscheuchte Jakob die Insektenschwärme mit einem großen Laubwedel.

Das Chorherrenstift wuchs in die Höhe: die Wohnräume der Chorherren, die Kirche und die Wirtschaftsgebäude. Und eine Mauer umfriedete alles. Und an die äußere Seite der Umfriedungsmauer lehnte sich das alte Bauernhäuschen von Jakobs Eltern.

Eines Morgens lag Schnee. Der Baumeister rief alle Leute zusammen und sagte: "Heute ist Martini, wir beenden unsere Arbeit für dieses Jahr. Gehe jeder in seine Heimat und im nächsten Jahr an Lichtmess kommt wieder her, dass wir das Werk vollenden. Die Steinmetz- und Maurergesellen erhielten ihren Lohn, die Bauern vom Dorf zogen mit ihren Ochsenkarren nach Hause. Nur die Zimmerleute blieben den Winter über; sie fällten die Eichenbäume, aus denen sie Balken für die Decken und für die Dachstühle schlugen.

Und für Jakob und seine Eltern begann eine karge Winterszeit, hatten sie doch im Sommer kaum Zeit gefunden, für den Winter Vorräte anzulegen.

 

 

Die Einweihung des Chorherrenstifts

Teil II: 1190 n. Chr.

 

Die Glocke der Kirche des Chorherrenstiftes schwang und klang weit in das Land hinaus. In dieses Läuten mischten sich die Glockenklänge der Kirche zum Heiligen Petrus in Steinheim und zum Heiligen Stefan in Sontheim.

Eine feierliche Prozession zog ein in die Stiftskirche zum Heiligen Nikolaus, oben auf dem Steinhirt, durch das hohe Kirchenportal mit Fahnen und Heiligenbildern. Voran der Augsburger Chorherr Berengar von Albeck im Chorherren-Talar, dann Graf Witegow von Albeck mit seiner Gemahlin Bertha von Helfenstein, gefolgt von den Gästen des Augsburger Domes. Die Edelfreien von Michelstein über Sontheim schlossen sich an mit den Gästen des Chorherrenstiftes vom  Michelberg bei Ulm und den Abschluss der Prozession bildeten die neuen Chorherren von Steinheim.  Auf dem Stiftshof drängten sich die Bauleute, die Steinmetze, die Zimmerleute, die Maurer und die Bauern, die Fronarbeit geleistet hatten. Auch der Fahrweg von Steinheim herauf zum Stift war gesäumt von neugierigen Menschen.

Jakob stand am Kircheneingang auf der obersten Stufe der Freitreppe, nahe der Flügeltür. Er sah, zwischen den geharnischten Wächtern hindurch, drinnen auf dem Altar Kerzen brennen und die Chorherren in roten und weißen Gewändern um den geschmückten Altar sitzen. Ein feierlicher Gesang erfüllte den Raum und drang nach draußen. Ein Priester zelebrierte die Messe in einer für Jakob nicht verständlichen Sprache. Jakob hörte zwar jedes Wort deutlich, doch konnte er den Sinn nicht verstehen. Bald schweiften seine Gedanken ab und er dachte an das vergangene Jahr. Vieles war schön, das Richtfest und die Vollendung der Gebäude. Seine Mutter hat ihm einen kleinen Bruder geboren und bald darauf durften sie in den neuen Bauernhof im Stift einziehen. Aber es gab auch Trauriges: Martin, der Steinmetzgeselle wurde von einem schweren Steinquader begraben und starb; Florian, der Zimmermann, stürzte vom Dachstuhl und Vetter Joseph wurde von einem Ochsenfuhrwerk überfahren: seither humpelt er und leidet immer unter Schmerzen.

Und dann begab sich noch etwas kurioses: eines Tages schritt ein ungewöhnlich gekleideter Mann kreuz und quer über das Baugelände. Er hatte eine dünne Holzgabel in der Hand, nur zwei Schuh lang. Diese hielt er nicht etwa am Gabelstiel, nein, er hielt sie an den beiden Zinken fest und trug sie waagrecht vor seinem Bauch. Jakob schien diese Art von Arbeit seltsam. Jeder auf der Stiftsbaustelle musste schwer arbeiten und dieser Mann trug nur die dünne, gegabelte Rute vor sich her, zwei oder drei Tage lang. Jakob kam gerade dazu, wie der Baumeister zu diesem Mann gerufen wurde. Der hielt in der Nähe, wo das Fundament für das Backhaus gemauert wurde, seine Rute vor seinem Bauch. Diese schnappte jedes mal, wenn er sie waagerecht ausstreckte, nach unten. Jakob dachte an Teufelswerk, denn er war sicher, dass der Mann stark genug war, die einfache, dünne Astgabel festzuhalten. Doch immer wieder schnappte der Astgabelstiel an einem bestimmten Ort, nahe dem Backhaus, nach unten.

Am nächsten Tag kamen neue Bauleute. Bei der Backhaus-Baustelle wurde in den Boden ein Loch gegraben, vielleicht zehn Fuß im Durchmesser. Jeden Tag schaute Jakob danach und jeden Tag war das Loch tiefer und schließlich war es so tief, dass er die Leute, die dort unten arbeiteten nicht mehr sehen konnte. Außerdem wurden ringsum in die Schachtwand dicke Balken gespannt und über dem Loch stand ein großer Dreifuß aus Baumstämmen. An diesem war eine Seilrolle befestigt, über die ein dickes Seil lief und an dem ein großer Eimer hing. Männer zogen den Eimer, gefüllt mit Lehm, aus dem Loch.  Dumpf klang es von unten herauf, wenn die Männer dort unten arbeiteten. Bald jedoch mussten Tag und Nacht Männer mit dem Eimer Wasser anstatt des Lehms aus der Tiefe des Loches schöpfen. Dann kamen die Steinhauer. Sie bearbeiteten Steine so, dass sie zu einem Kreis zusammengesetzt werden konnten. Und alle diese Steine ließ man mit dem Seil in die Tiefe. Nach vielen Tagen waren die Maurer mit ihrer Arbeit fertig: sie waren oben am Schachtrand angekommen und sie hatten ein langes Steinrohr senkrecht in das Loch gemauert. Und am Grund des langen Steinrohres sah man in der dunklen Tiefe etwas wie ein helles Auge. Die Männer sagten, das sei Brunnenwasser und der Grund des Brunnens sei über 50 Fuß tief. Und tatsächlich, nach einigen Tagen konnte man ganz klares Wasser aus dem Brunnenschacht schöpfen.

Dann schweifte Jakobs Blick über die Menschenmenge im Stiftshof und hinaus über den Hügel. Dort, wo vor zwei Jahren ein wüstes Steinfeld lag, grünte es. Alle losen Steine rund um das Stift hatte man zum Wegebau und zum Befestigen des Hofes verwendet. Jetzt lag zwischen dem Stift und dem Kesselbrunnen, dem anderen großen Brunnen für die Schafe und Kühe, eine liebliche Wiese. Dahinter erhoben sich noch vereinzelt einige größere Felsen. Die Steinmetze hatten viele Felsen aus diesem Steinfeld zu Bausteinen verarbeitet.

(Bild von Adalbert Feiler)

 

Ein mächtiger Choral erklang und weckte Jakob aus seinen Erinnerungen. Die Messe war beendet und die Edlen traten aus der Kirche ins Freie. Auf dem Hof wurde inzwischen ein Ochse am Spieß über dem Feuer gedreht und der Bäcker zog frische Brote aus dem Backofen. Das war ein Festessen und jeder wurde satt. Später kamen Spielleute, die zur Laute Lieder sangen. Das Fest ging bis zum Abendläuten.

Nach Tagen saß Jakobs Vater wieder einmal schweigsam beim Abendbrot. Die Mutter fragte:

"Was ist dir über die Leber gelaufen?"

"Ach," antwortete der Vater, "der Neuerungen sind es gar zu viele, mir wächst alles fast über den Kopf. Vor drei Jahren hatten wir nur für uns und unsere paar Tiere zu sorgen und ab und zu Frondienste zu leisten. Dann kam der Stiftsbau hier - du weißt ja, in diesen zwei Jahren bin ich um zehn Jahre gealtert - und heute sagt mir der Propst, dass Jakob eine solide Ausbildung für die Arbeit hier bekommen soll, jetzt, wo Jakob mir endlich zur Hand gehen könnte".

Dabei seufzte der Vater. Die Mutter tröstete ihn: "Hast du nicht vor ein paar Jahren auch nicht gewusst, wie es weitergehen soll? Du hattest Angst um das Futter der Tiere, wenn hier gebaut würde und jetzt gibt es hier mehr Futter als je zuvor. Außerdem leben wir hier nicht mehr einsam und auf uns allein gestellt. Sei deshalb guten Mutes für die Zukunft. Jakob ist gelehrig und praktisch, der wird viel lernen können. Für die Zeit seiner Abwesenheit wirst du bestimmt einen Burschen vom Dorf bekommen, wenn du den Propst darum bittest."

Und so geschah es dann auch.

 

 

Informationen zu „Die Augustiner-Chorherren auf dem Steinhirt“

Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden Württemberg, 7. Auflage 1994

Nr. 7326 – Heidenheim an der Brenz

Klosterberg, Klosterhof bei Steinheim, im Planquadrat 78/94

Zum Augustinerorden: Am 13. November 354 ist Aurelius Augustinus in Thagaste in der römischen Provinz Numidien (heute Algerien) geboren. Er wird Lehrer der Rhetorik, hängt zunächst dem Manichäismus an, wird todkrank und zweifelt an der Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis. Er lehrt sodann in Rom, geht aber dann nach Mailand, wo er "zu Bischof Ambrosius kommt". Dort lernt er an der christlichen Wahrheit - ganz im Sinne der platonischen Zweistufenlehre - die sinnliche Form und den geistlichen Inhalt zu unterscheiden. Ambrosius eröffnet ihm die Sicht auf einen christlichen Platonismus. Es beginnt ein langwieriger Prozeß der geistigen und sittlichen Annäherung an die intuitiv erfaßte neue Wahrheit.

Er lernt, das Absolute als rein geistige Transzendenz zu denken. Der Römerbrief (13, 13-14) bewegt ihn zutiefst und er entscheidet sich, sich ganz dem christlichen Leben zu widmen (August 386, d.h. im 32. Lebensjahr). Im Jahr 387 erhält er in Mailand die Taufe. In dem Gespräch mit seiner Mutter, einer Christin, "an einem Fenster geführt", vollziehen sie den Aufstieg der Seelen durch die Körper- und Geistwelt bis zur ekstatischen Vereinigung mit der ewigen Weisheit.

Wieder in Afrika, erhält er 395 die Priesterweihe und schließlich 396 das Bischofsamt. Er muß erfahren, daß sich die christliche Existenz nicht in einem beschaulichen Leben erschöpft, sondern daß sie zu öffentlicher Tätigkeit aufgerufen ist.

Die Vandalen bestürmen seine Bischofstadt, im dritten Monat der Belagerung, am 28. August 430 stirbt Augustin, ehe im neunten Monat die Stadt erobert und verwüstet wird.

1183 wird das Augustiner-Chorherrenstift auf dem Michelberg bei Ulm gegründet durch die Herren von Albeck (Witegow von Albeck, verheiratet mit Gräfin Bertha von Helfenstein), treue Anhänger Kaiser Friedrichs I. und zeitweilig Reichsvögte in Ulm.

1190 gründen Wittegowo d. Ä. von Albeck mit seinem Bruder Berengar, Geistlicher und später Canonicus in Augsburg, das Augustiner-Chorherrenstift in Steinheim.

Chorherren sind Mitglieder eines Domkapitels, also Mitglieder des Priesterkollegiums an einem Dom, das den Chordienst versieht, bestimmte Verwaltungstätigkeiten übernimmt und den Bischof berät. Bei dem Steinheimer Augustiner-Chorherrenstift handelt es sich doch wohl um ein Kollegiatstift, in dem adelige Geistliche, gleichberechtigt neben- und miteinander, dem geistlichen Leben in einer klösterlichen Umgebung nachgingen, mit einer umgebenden Landwirtschaft, ohne sich bedingungslos in eine Klosterhierarchie einordnen zu müssen.

Über spätere Erwerbungen des „Klösterleins“ (Augustiner-Chorherrenstift), dessen Vogtei Witegowo sich vorbehalten hatte, ist nichts bekannt, doch werden manche der später Königsbronnischen Klostergüter auf dem Albuch dazu gehört haben wie Steinheim, Sontheim im Stubental, Gnannenweiler, Neuselhalden, und Güter in Küpfendorf.

Spätestens im 13. Jahrhundert hat es in Steinheim eine zweite Kirche gegeben, die man urkundlich ausdrücklich von der Pfarrkirche oder der "unteren" Kirche unterschied. Sie war dem Hl. Nikolaus geweiht. Doch ist aus späterer Zeit nichts mehr über sie bekannt. Dies kann damit begründet werden, dass sie integrierter Teil des Chorherrenstifts auf dem Klosterberg war.

Als 1238 die Steinheimer Pfarrkirche, die Peterskirche, vom Patronatsrecht frei geworden war, hat Bischof Siboto (Augsburg) sie mit allen Einkünften dem Chorherrenstift inkorporiert und dem Probst die Seelsorge in der Pfarrei übertragen.

Klosterhof bei Steinheim 

(Augustiner-Chorherrenstift)

Weiler auf dem Klosterberg sö vom Ortszentrum von Steinheim, inzwischen in Steinheim aufgegangen.

Gegründet von den Herren von Albeck, Wittegow und Berengar (Stammväter: Adalbert von Stubersheim 1092 und dessen Sohn Berenger von Albeck 1107-1108),

Urkundlich belegt:

·         1190 Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts

·         1302 kauft König Albrecht I. für das geplante Kloster bei Springen das Stift privat.

·         1303 wird der Abt von Salem von König Albrecht I. beauftragt, unterhalb der Burg Herwartstein ein Zisterziensterkloster einzurichten. Das Zisterzienserkloster erscheint

·         1308 erstmals unter dem Namen Königsbronn. Das Kloster beruft sich auf die Gründungstradition des Steinheimer Chorherrenstifts.

·         1553 mit dem Ende des katholischen Klosters in Königsbronn zieht Herzog Christoph von Württemberg (1550-68) das Steinheimer Gerichtsrecht ein.

·         1584 wird der Klosterhof Steinheim als Erblehen verkauft und dann vererbt, so geht er von Hand zu Hand.

·         1588 wird der Klostervertrag mit dem Haus Habsburg ratifiziert. Württemberg ist erst damit Herr über Königsbronn. Die Klöster haben ihre Eigenständigkeit vollständig verloren und werden unter herzoglichen Beamten als Unterämter verwaltungstechnisch geführt.

·         1588 die wohl seit der Gründung des Chorherrenstifts bestehende Nikolauskirche besteht nicht mehr.

·         1740 verkauft Johannes Hofele den Klosterhof an den Kirchenrat, die Regierung in Stuttgart. Darauf wird der Hof verpachtet an Gemeinschaften und Genossenschaften.

·         1806 wird das Klosteroberamt und damit die verwaltungstechnische Trennung aufgelöst. Steinheim kommt zum Oberamt Heidenheim.

·         1819-1827 ist die letzte Pachtperiode (Regierung Stuttgart) für den Klosterhof.

·         1828 muss die Gemeinde Steinheim den Klosterhof für 29.000 Gulden von der Regierung kaufen.

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