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Spuren auf dem Albuch

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Das Klösterle

oder die Höfe zum Hohen Berge

 

Wer vom Hirschfelsen das Tal hinaufwandert und geradeaus weitergeht, wo der Weg zur Gnannental-Staudammkrone rechts hinaufführt, gelangt durch die „Rauhe Steig“ zu einer Heide mit Weidebuchen und Wacholder und auf eine Wiesenaue mit einem Tiefbrunnen. Am gegenüberliegenden Waldrand finden sich die Spuren des Hofes zum Hohen Berge und des „Alten Hohenberges“. Aus uralter Überlieferung wird dieser Platz „Das Klösterle“ genannt. Er ist wohl schon vor über tausend Jahren besiedelt gewesen, denn im Jahre 1126 übertrugen ihn die Herren von Stubersheim dem Prämonstratenserstift Roggenburg als Gründungsausstattung. Im Jahr 1226 findet sich in den vatikanischen Registern ein Eintrag. Erst im Jahre 1368, nach der großen Pest, werden die beiden Höfe vom Zisterzienserkloster Königsbronn erworben.

Die folgende Erzählung möchte weitere Gedanken zum „Klösterle“ lebendig werden lassen.

Es war die Zeit, lange bevor Kaiser Rotbart, der Staufer, oder Barbarossa, wie er auch genannt wurde, das Land regierte. Wenn damals gereist wurde, von einem Land zum anderen, von einer Gegend in die andere, war dies keine Urlaubsreise. Der Eine trieb Handel mit allerlei Waren, der Andere zog als Sänger von Burg zu Burg, um die neuesten Begebenheiten im Lied den Herrschaften vorzutragen. Es konnte sich aber auch zutragen, dass es für einen Menschen zuhause keinen Platz mehr gab und er dadurch gezwungen war sich nach einer neuen Bleibe, nach einem Dienstherrn umzusehen.

So ging es dem jungen Ritter Blasius, der wohl ausgebildet war sowohl im Schreiben und Lesen wie auch im Turnierkampf mit Lanze, Schild und Schwert. Sein Vater war von einer Schlacht nicht mehr zurückgekehrt und seine Mutter war bei der Geburt eines Geschwisterchens gestorben. So war er alleine übriggeblieben und wollte nun als Dienstmann bei einem der großen Burgherren an der Donau sein Glück machen.

Beschwerlich war der Aufstieg vom Unterland die Messelsteige zum Messelstein hinauf. Die anderen Reisenden beschlossen hier oben in einer Herberge die Nacht zu verbringen. Es war jedoch mitten im Tag, so gönnte Blasius seinem Pferd eine kurze Pause und ritt dann frohgemut auf der Albhochfläche über den uralten Fernweg weiter nach Osten, der Donau zu.

Blasius hatte wohl die Entfernung bis zur nächsten Herberge unterschätzt und geriet in die Nacht.

Es ging durch Buschwald und der Weg war nur mühsam zu erkennen. Blasius querte ein kleines Tal und kam jenseits wieder auf die Höhe. Plötzlich wurde sein Pferd unruhig, doch bevor Blasius es inneward sah er sich von nachtschwarzen Gestalten umringt und fühlte sich schwer getroffen wie von einem Keulenschlag. Er sah in ein widerliches Angesicht, dann schwanden ihm die Sinne.

Blasius roch modriges Laub. Kälte durchschauerte ihn. Sein Kopf schmerzte als wolle er zerspringen. Die Augen konnte er nicht öffnen. Ein fürchterlicher Brechreiz wollte sein Inneres nach außen stülpen. Er sank zurück und tiefe Nacht umgab ihn wieder.

Da war doch Wärme? Ein Tier hechelte. Atemhauch überströmte Blasius Gesicht. Ein Hund schlug an. Ein Mann sprach zu ihm. Er wollte antworten, doch er konnte nicht. Wieder versank er in tiefe Bewusstlosigkeit.

Als Blasius zu sich kam, lag er in einem einfachen Holzkastenbett auf einer Grasmatratze. Sein Kopf war dicht eingebunden und ein Bein konnte er nicht bewegen. Erwacht war er an einem Gespräch, das ein Mann mit einer jungen Frau führte. Die junge Frau wandte sich ihm freudig zu, gebot ihm zu schweigen, gab ihm Kräftiges zu trinken und bat ihn, zu versuchen, wieder zu schlafen.

So vergingen Zeiten. Blasius wusste nicht, waren es Stunden oder Tage oder Wochen. Als er sich stärker fühlte, fragte er den Mann wo er sei und wie er hierher gekommen war. Dieser antwortete: „Du bist auf dem Hofgut zum Hohenberge auf dem Albuch. Mein Hund hat dich drüben, nahe dem Überlandweg, übel zugerichtet gefunden. Du warst mit Blut überströmt und hattest nur noch ein zerrissenes Hemd am Leibe.“

Blasius wusste nun, er war buchstäblich mit nackter Haut dem Tode entronnen. Nichts besaß er mehr, kein Pferd, kein Schwert, keine Kleidung, weder Gold noch Silber. Er konnte nicht einmal mehr beweisen wer er war.

Einige Tage später kam auf den Hof – es war eine kleine alte Burg auf einem Felsriegel inmitten von lieblichen Wiesen – ein Mönch geritten. Er kam vom Prämonstratenserstift Roggenburg jenseits der Donau. Dort hatte man von Blasius Schicksal gehört, denn der Hof Hohenberg gehörte zu diesem Kloster. Blasius hatte Rede und Antwort zu stehen und bald bemerkte der Mönch, dass Blasius von edlem Gemüt und hoch gebildet war. Im vertraulichen Gespräch berichtete Blasius von seiner Abstammung. So wurde beschlossen, Blasius bis zu seiner völligen Gesundung auf Hohenberg Gastrecht zu gewähren.

Bald wollte Blasius kleinere und dann größere Arbeiten verrichten und mit diesen Arbeiten kehrte auch seine Kraft zurück.

Der Herr des Hofguts ritt immer wieder hinunter in den Flecken Steinheim. Eines Abends kam er vom Dorf drunten im Tale heim und berichtete von Gräueltaten, die kürzlich von einem Unbekannten an einem Wanderer begangen worden waren. Da erwachten in Blasius Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit. In einer heftigen Gemütsbewegung aus Zorn, Mut, Tatendrang und Zuversicht beschloss er diesem Unbekannten das Mordhandwerk zu legen.

Tage- und nächtelang überlegte Blasius, wie er an eine Waffe käme, doch seit er selbst überfallen worden war besaß er nichts Eigenes mehr als ein zerrissenes Hemd. Seine adelige Herkunft nutzte ihm fern der Heimat nichts, nur sein Wissen half ihm weiter. Blasius beschloss, einfache bäuerliche Werkzeuge als gefährliche Waffen zu nutzen. Hacken und Gabeln, Sicheln und Dreschflegel lernte er mit der Zeit als Waffe zu gebrauchen. Dies übte er bei jeder Gelegenheit. Die Hofbewohner sahen nicht, wie genau und kraftvoll er die Werkzeuge bei der Arbeit handhabte. Nur dies fiel auf: er brauchte zu einer Arbeit immer nur die halbe Zeit. Den Dreschflegel schwang er mit einer Leichtigkeit und einer rhythmischen Genauigkeit, wie wenn er Musik machen würde, dabei schien er nicht zu ermüden. 

Und mit der Zeit schoss Blasius Krähen und Elstern mit der Schleuder im Fluge, wenn sie gar zu aufdringlich wurden.

Neben der Landwirtschaft fertigten die Leute auf dem Hohenberge manches handwerkliche Gerät. Es wurden Körbe geflochten aus Baumrinden oder Weidenruten, Besen gebunden aus dem Reisig der roten Heckenkirsche, Stiele und Stöcke aller Art wurden aus Haselnuss- und Hainbuchenholz gearbeitet und vor allen Dingen, als Spezialität, wurden Peitschen für die Rossknechte des Roggenburger Fuhrparks angefertigt.

Die Peitschenstiele wurden aus starken Wacholderzweigen geschnitzt. In die Griffe wurden Feldahornspäne – gegen Hexerei – kreuzweise eingezogen und mit Pech verklebt, darauf sorgfältig mit Lederstreifen bandagiert. Die Peitschenschnüre wurden aus Leinengarn und Hanffasern gezwirnt und geflochten und kunstvoll mit dem Peitschenstiel verbunden.

Blasius entwickelte bald Peitschen, die weiter reichten, die besser knallten und haltbarer waren als die bisherigen. Es reichte schon, wenn der Fuhrmann über und neben den Pferden knallte um das Vierer- oder gar Sechsergespann auf dem Weg und im richtigen Gang zu halten. Und Blasius Peitschen erzielten den höchsten Preis.

Niemand bemerkte indessen, dass Blasius sich auch in der Handhabung der Peitsche so übte, dass diese zur gefährlichen Waffe wurde. Schließlich konnte er damit einen bestimmten kleinen Wildapfel mit einem Peitschenschlag vom Baum trennen.

Dem Probst vom Stift Roggenburg blieb nicht verborgen, dass auf dem Hohen Berge ein tüchtiger Mann heranwuchs. Der Probst empfahl dem Grundherrn, dem Herrn von Stubersheim, die Ländereien auf dem Hohen Berge auszubauen und den neuen Hof Blasius zur Bewirtschaftung zu überlassen.

Etwas östlich vom alten Hof wurde bald gemauert und gezimmert. Und nahebei wurde ein tiefer Brunnen gegraben.

Eines Abends ging die junge Frau zum neuen Brunnen um frisches, klares Wasser zu schöpfen. Blasius rieb gerade sein Pferd mit Stroh ab, das er in Schweiß geritten hatte, als ihn Pferdegetrappel aufblicken ließ. Drei Berittene galoppierten zum Brunnen, zerrten die junge Frau auf ein Pferd und wollten, wie sie gekommen, wieder entweichen. Blasius griff zur Peitsche, schwang sich aufs Pferd und schneller als die Schnappsäcke denken konnten, pfiff die Peitsche um ihre Köpfe. Zwei der Räuber lagen schon am Boden. Der Dritte, der die junge Frau vor sich auf dem Pferd hielt, zog das Schwert, aber dieses flog in hohem Bogen durch die Luft, als die Peitsche sein Handgelenk traf. Blasius sah ein widerliches Angesicht. Mit einem gellenden Knall schlang sich die Peitschenschnur um den Hals des Verbrechers. Er hing wie an einer Angelschnur, rang nach Luft und stürzte vom Pferd. Ausgestreckt lag er am Boden, er hatte beim Sturz vom Pferd das Genick gebrochen.

Die Knechte des Hofes hatten inzwischen die beiden anderen Räuber gebunden und die Pferde eingefangen.

Schreckensbleich stand die junge Frau vor Blasius, der sich leicht verbeugte und sich für sein hartes Durchgreifen bei ihr in aller Form entschuldigte. Sie dachte: „Blasius handelt wie ein wahrer Ritter, doch habe ich ihn nicht als armen, hilflosen und kranken Menschen vor Jahresfrist gepflegt?

Aber nicht genug: Blasius bat um ihre Hand.

Der neue Hof zum Hohen Berge war bald fertig errichtet und die Hochzeit wurde vorbereitet. Der Probst von Roggenburg hatte Verwandte des Blasius gefunden. Sie alle halfen zusammen, so wurde hier oben am schönsten Platz eine Kapelle erbaut und als Brautgeschenk wurde eine kleine Glocke für das Dachtürmchen gegossen. Und das junge Paar wurde vom Probst selbst in der Kapelle zum Hohen Berge feierlich getraut: „Willst Du, Jungfrau Elsa vom Hohen Berge, den Ritter Blasius ehelichen und ihm treu zur Seite stehen?“

Bald hörte man im neuen Hofe zum Hohen Berge Kinderlachen und die junge Frau des Ritters Blasius achtete sorgsam darauf, dass neben der Arbeit der Landleute, der Handwerker und der Hauswirtschafter täglich eine innige Messe in der Kapelle gefeiert wurde. Die kleine Glocke lud dazu die Arbeitenden ein.

Wann klang diese Glocke wohl das letzte Mal über die Wiesenaue, war es zur Pestzeit oder im dreissigjährigen Krieg?

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