34.000 Jahre v. Chr.
Geißenklösterle im Achtal bei
Schelklingen
Die Knochenflöte aus dem „Geißenklösterle“
In
einer Höhle, im Geißenklösterle an der Ach, zwischen Blaubeuren und
Schelklingen (50 km sw. von Steinheim am Albuch), wurden Splitter einer
Knochenflöte aus einem Röhrenknochen des Singschwanes gefunden, die nach
ihrer Restaurierung einen Nachbau gestattete, mit dem eine hohe
Tonqualität erzielt wird. So ist nachgewiesen, dass die Menschen vor
36.000 Jahren, wohl für den Kultus, die lange Musiktradition des modernen
Menschen begannen.
Die Flöte vom Geißenklösterle ist das
älteste bisher gefundene Musikinstrument: 36.000 Jahre alt, aus der ausgehenden Würm-Eiszeit, das ist eine Zeit langsamer Erwärmung. Wie beim
„Löwenmensch“ vom Hohlensteinstadel im Urstromtal der Lone ist die Rettung
dieses Instrumentes abenteuerlich. Bereits 1974 wurden im Geißenklösterle
erste Knochensplitter gefunden, zu denen in den 90iger Jahren weitere
Fundstücke kamen. Eine Wissenschaftlerin der Universität Tübingen gelang
es, aus diesen Fragmenten die Knochenflöte zusammenzubauen. Der Spezialist
für Experimente mit altsteinzeitlichen Funden, Friedrich Seeberger, baute
dieses Instrument nach und fand auch die Spieltechnik heraus, sodass man
heute hören kann, wie das Instrument vor 36.000 Jahren geklungen haben
mag: hell und glockenrein.
Bevor wir mit unseren Gedanken in
diese längst vergangene Zeit hineintauchen, sollten wir die Ausführungen
zum „Löwenmensch“ lesen (3. Abschnitt). Darauf aufbauend können wir uns an
die Interpretation der Umstände wagen, die zur Schaffung und Benutzung der
Knochenflöte geführt haben könnten.
Im Süden, nahe dem Donauufer, lagen
die Ausläufer und die Endmoränen der Alpengletscher, Die Ur-Donau mag viel
Gletscherwasser geführt haben: Tundrastimmung! Singschwäne hatten sich aus
dem hohen Norden, aus der Arktis, hierher in eisfreies Gebiet
zurückgezogen, zwischen die vergletscherten Alpen und den
Nordlandeissockel. Eineinhalb Weltenjahre liegen zurück seit die Töne auf
diesem Instrument, dort in der Höhle, ganz offensichtlich einer Kultstätte
über der Ur-Donau, erklangen. Wie kamen die damaligen Menschen dazu, nicht
nur imaginative Kunstwerke, Höhlenzeichnungen, zu schaffen, sondern auch
ein Instrument zu bauen und zu spielen, das inspirative Fähigkeiten
voraussetzte. Wir stellen dazu einige Gesichtspunkte nebeneinander:
U.a. nach Dr. Prof. Richard Karutz
(Die Ursprache der Kunst, Ausgabe 1934) finden wir in der Steinzeitkunst
in Fels gravierte lineare doppelflüglige Gebilde, realistische Flügel, die
oft als Doppelaxt angesprochen werden. Die Gebilde zeigen das imaginative
Mysterienbild des atmenden Menschenwesens. „Es ist das Bild des
Luftelements und der seelischen Kräfte, die zwischen menschlicher und
göttlicher Welt hin und her schwingen“. Darstellungen von rabenartigen
Vögeln, sitzend auf den „Axtklingen“, weisen uns auf die Verbindung des
seelischen Elements mit dem Göttlichen hin. Das Bild des Vogels zeigt also
das Ein- und Ausatmen, das Hin- und Herschwingen zwischen der geistigen
und der physischen Welt. Der Vogel ist insoweit auch Begleiter in das
Leben und in den Tod.
Im Mittelalter nannten sich die
Ritter des Schwanenordens „Boten des Heils“. Die Heerführer hatten gerne
bei ihren Heerzügen einen solchen „Schwan“ dabei.
Eine Flechtkreuzstele - 9. Jhdt.- von
Iniskeel (Inishkeen), Irland, zeigt symmetrisch zur Mitte Schwanenritter.
Ebenfalls von dort stammt ein „Schwanenkreuz“, bei dem vier Schwäne das
Kreuz behüten. Die Stufe des weißen Schwanes galt als höchste Geistesstufe.
Mysterienschulen nannten in der
Antike einen Inspirierten, der in die geistige Welt hineinhörte, einen
„Schwan“.
Wir kennen aus der griechischen
Mythologie Zeuss, der sich Leda als Schwan nähert. Aus dieser Verbindung
wird die Mondgöttin Artemis und der Sonnengott Apoll geboren. Ein
göttlicher Impuls zu einer umfassenden kosmischen Entwicklung der Erde mit
dem Fixsternhimmel, den Planeten und dem Tierkreis innerhalb der Ekliptik.
Rechnen wir die 36.000 Jahre zurück,
das sind 1 ½ Weltenjahre bezogen auf den Durchgang der Sonne im
Frühlingspunkt durch den Himmelsäquator, sehen wir die Sonne im
Frühlingspunkt im Tierkreissternbild der Jungfrau. Mit dem vorausgehenden
Sternbild der Waage fand ein kosmischer Prozess einen gewissen Abschluss.
Neues kann heraufsteigen. Und das Neue kommt mit dem Sternbild der
Jungfrau, dem Sternbild in der Ekliptik, dem die Vögel in vorhergegangenen
Erdzeitaltern ihre Entwicklung verdanken. Gleichzeitig wirkt der Planet
Merkur besonders in diesem Sternzeichen, Merkur oder Hermes – auch
Götterboten!
Das Neue ist das durch die Mysterien
bewusst gepflegte und geübte Atmen (im Italienischen: inspirare –espirare),
es ist das Entstehenlassen der Töne, das Gestalten der Töne, das Erleben
der Töne und das Hinhören auf die Inspiration des Göttlichen. Die
Imagination, das Bild dazu, ist der Schwan, der die Inspiration von dort
nach hier vermittelt.
Und der arktische Singschwan, der an
den Gestaden der Ur-Donau, die von den Gletschern gespeist wird, brütet,
ist das tägliche Bild für die Menschen dort; er ist mythischer Vogel, er
singt, und schenkt mit seinen Schwingen den großen und leichten
Flügelknochen, das Material zur Flöte, die gespielt wird mit dem
natürlichen Strom des Atems - und die gestalteten Töne sind ein Abglanz
dessen, was inspirierte Musik sein kann.