Das
Wentalweible
Teil II: im dreissigjährigen Krieg
Teil
III: Wenelenwilare, Bibersohl, Hohensohl, Felgenhof, Geroldsweiler,
Es war
vor vielen hundert Jahren als im Wental noch ein lustiger Bach rauschte.
Eine alte Mühle stand, nahe Wenelenweiler, bachabwärts, dort, wo im
Frühjahr die Bächlein von Hohensohl und Bibersohl und von Chorben in den
Wedelbach mündeten. Die Bauern brachten dorthin ihr spärlich geerntetes
Getreide, das sie auf kleinen Feldern auf dem Albuch, zwischen den
Wäldern, angebaut hatten und ließen es vom Müller mahlen. So fand jeder
mit seiner Familie ein bescheidenes Auskommen, hatte der Bauer doch
zuhause, wenn er reich war, noch eine Kuh und ein Schwein, und die anderen
ein Milchschaf oder eine Ziege im Stall und Hühner; und alle konnte man im
Wald weiden und picken lassen.
Doch
da kam Krieg ins Land. Die kleinen Felder wurden von den Kriegsknechten
verwüstet und die Kühe, Schafe, Schweine und Ziegen nahmen die
Kriegsknechte mit, und die Hühner schlachteten sie und aßen sie auf. So
hatten die Menschen auf den Höhen um das Wental kaum mehr etwas zu essen.
Zur
nämlichen Zeit wohnte eine alte, geizige Frau in der Nähe der Mühle im
Wental, die war Krämerin. Sie kaufte und hamsterte überall alles zusammen.
In ihrer Hütte waren schlechtes Korn und muffige Bohnen in Säcken
aufgehäuft, angeschimmelte Erbsen lagen offen in einer Ecke und in den
kleineren Linsensäcken waren ebensoviele Steinchen wie Linsen. Auf einem
der Mehlsäcke lag ihre fette schwarze Katze und schlief. Und die Menschen
kamen zu ihr, hungrig und mager, und wollten bei ihr Milch, etwas Salz,
Hafer, Roggen und Dinkel für ihre hungrigen Kinder kaufen. Zuerst sagte
die Krämerin den armen Leuten, sie habe nichts zu verkaufen, dann aber
schenkte sie doch etwas Milch aus, in die sie zuvor Wasser geschüttet
hatte und gab von dem muffigen, feuchten Getreide etwas ab. Statt einem
Maas gab sie dann nur drei Schoppen Milch und sie wog nicht ein Pfund
Getreide ab sondern nur dreiviertel Pfund, berechnete aber einen hohen
Preis für einen ganzes Maas frische Milch und ein volles Pfund guten
Getreides. Und bei allen armen Leuten tat sie also. Und die Kinder
mussten Hafergrütze und schwarze Grütze mit Steinsalz essen, die nach
Schimmel rochen und bitter schmeckten; dazu gab es gewässerte Milch zu
trinken.
Eines
Tages wanderte ein frommer Mann durch das Tal und bat die Krämerin, da er
kein Geld hatte, um ein Almosen, wenigstens um eine Handvoll Gerstenkörner
und etwas Wasser. Aber die Alte blieb hart, und wies dem armen Mann ihre
Tür; ja, sie verfolgte ihn fluchend und schimpfend noch ein Stück das Tal
hinab. Als sie einen ganz schlimmen Fluch ausgestoßen hatte, da spürte die
alte Krämerin, dass sie nicht mehr gehen konnte: sie stand plötzlich wie
verwurzelt. Der Bach im Tal hörte auf zu murmeln und versickerte. Es wurde
totenstill und die Beine der Frau wurden schwer wie Stein; und da bemerkte
sie, dass auch ihr Herz aus kaltem Stein war. Es währte nicht lange, da
war das Weib ganz versteinert.
Nun
steht sie im Wental als Fels, wo früher ein liebliches Bachufer war. Sogar
ihr Marktkorb ist versteinert. Nur Ihre Seele geht in stürmischen Nächten
um, wenn das Wilde Heer oben durch die Baumwipfel fährt und dann hört man
sie klagen:
"Ei,
ei, ei ond au, au, au,
hätt
i blooß des Deng ed dao:
Drei
Vierleng send koi Pfood,
Drei
Schoppa send koe Maoß!
Ei,
ei, ei, ond au, au, au,
hätt
i blooß des Deng ed dao,
nao müsstt i ed em Wedel gao!"
Und
niemand weiß, wie man die alte Frau erlösen kann. Doch die Bucheckern und
die Haselnüsse, die sie im Korb hatte, haben eines Tages gekeimt und so
wachsen immer wieder Bäumchen aus dem Marktkorb aus Stein.
Informationen zu „Das Wentalweible“
Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden
Württemberg, 6. Auflage 1994
Nr.
7226 –Oberkochen
Wental
in den Planquadraten 74-75/97-99
Im
Sagenbuch "Die Ostalb erzählt" lautet die Sage so:
„Es
mag in den Hungerjahren 1816/1817 gewesen sein. Da lebte in Steinheim eine
Krämerin, die sich meisterhaft aufs Hamstern verstanden hatte. Sie hatte
einen Vorrat an Waren beisammen und nützte die Notlage ihrer Nachbarn aus,
indem sie die Ware nicht nur zu wucherischen Preisen verkaufte, sondern
auch Maß und Gewicht fälschte. Als ihre Betrügerei entdeckt wurde, wurde
sie sehr schwer bestraft. Später hat sie sich dann aus Reue über ihre
ruchlose Tat draußen im Wental von einem Felsen herabgestürzt, wo sie
zerschmettert liegen blieb. In stürmischen Nächten geht ihr Geist heute
noch ruhelos im Wental um. Bald sitzt das Wentalweiblein auf einem Felsen
oder es geistert zwischen den Tannen um. Schauerlich und unheimlich tönt
dann in solchen Nächten seine Klage:
Drei
Vierleng send koi Pfond;
Drei
Schoppa send koi Mauß!
Ei,
ei, ei, und au, au, au,
Hätt’
i no des Deng net tau,
Müßt i
net em Wental gau!“
Diese
Version wurde mir von meinen Enkeln im Wental, im Angesicht der
Felsformation „Wentalweible“, obwohl intellektuell formuliert, nicht
abgenommen. Ihr Gerechtigkeitsempfinden und ihr kindlicher Realitätssinn
war jedoch mit meiner Erzählung befriedigt.