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Spuren auf dem Albuch

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Der Galgenberg

Teil II: 1524 n. Chr.

Teil III: Klosterhof, Steinheim

 

Es war wohl im Jahr 1524 im Spätherbst. Die Sonne war untergegangen und Nebel stieg aus den sumpfigen Wiesen beiderseits des Fahrweges. Schemenhaft erhob sich im Westen der Klosterberg.

Ein einsamer Wanderer, wir wollen ihn Johannes von Ebereck nennen, strebte dem Ort auf dem Berg zu. Dort hoffte er auf ein Nachtlager.

Eine Reisekutsche fuhr an ihm vorbei und rumpelte den holprigen, steilen Weg zum Klosterhof hinauf. Das Klostertor war schon verschlossen. Der Kutscher blies auf seinem Horn. Ein Mönch, der wie ein Bauer aussah, öffnete das knarrende Tor und rief dem Kutscher zu:

„Heut' seid ihr aber spät dran!  Wir dachten schon, Ihr hättet einen Radbruch oder etwas noch schlimmeres gehabt.“

„Nein“, entgegnete der Kutscher, "aber drüben in Königsbronn musste ich noch auf einen Brief vom Abt warten, den ich eurem Amtmann aushändigen muss. Wo find' ich ihn? Hier oben, oder muss ich nach Steinheim hinunter?"

Der Mönch meinte, der Amtmann sei im Hause und er würde bereits auf eine Nachricht vom Abt warten.

Gemächlich half der Mönch dann zwei Reisenden aus der Reisekutsche.

Inzwischen war auch Johannes vor dem Tor angekommen. Johannes fiel durch seine aufrechte Haltung, seine lebendigen Augen und vor allen Dingen durch seinen Haarkranz auf. Als Reisegepäck hatte er nur einen kleinen Beutel bei sich, der das Allernötigste für die Reise enthielt. Der Mönch sprach Johannes auf die Tonsur an und frug ihn, von welchem Kloster er käme.

Johannes antwortete freundlich:

"Ich bin unterwegs, erlasst mir die Beantwortung eurer Frage".

Insgeheim aber ärgerte es ihn, dass er doch wieder in eine Klosterabsteige geraten war. Er hatte im Stillen gehofft, heute schon auf ulmischem Gebiet, bei den Protestanten, zu sein.

Im Innenhof des Klosters stand eine baufällige Kapelle. Ein ausgedehnter Bauernhof mit vielen Schafen nahm den Hauptteil des Klosterhofes ein. Daneben stand ein kleines aber schmuckes Klostergebäude mit einer noch kleineren Herberge. Dorthin begaben sich die Reisenden.

Die Gaststube war auf drei Seiten des Raumes von einer rohen Holzbank eingerahmt. Die Decke bestand aus einem flachen Kreuzgewölbe. Die wenigen Gäste hatten es sich auf der Bank bequem gemacht und auch ihr Reisegepäck dort abgelegt. Jeder war mit sich beschäftigt: dieser reinigte seine Schuhe, jener klopfte seine Wanderkleidung aus, eine Mutter gab einem Säugling die Brust, zwei Weitere diskutierten lautstark über ein Problem und ein Schläfer lag lang ausgestreckt auf der Bank und schnarchte. Unsere Reisenden gesellten sich dazu und warteten.

Schließlich kam der Klosterwirt, begrüßte seine Gäste und bat jeden Gast an einen der Tische, die in der Mitte des Raumes standen.

Ein Laienbruder reichte jedem Gast einen Holzteller mit Holzlöffel und einen Zinnbecher. Nach einer Weile brachte er für jeden Tisch Brot, große Schüsseln mit Fleischbrühe, in der viele Brotstückchen schwammen und einen Krug mit Wein. Während die Brühe verzehrt wurde, trug man andere Schüsseln mit aufgewärmten, zähen Fleischstückchen auf.

Die Unterhaltung verstummte, alle waren hungrig und nur mit Essen beschäftigt. Doch allmählich schwoll das Stimmengewirr wieder an.

Da erschien der Mönch, der die Gäste am Tor empfangen hatte und setzte sich zu Johannes. Der Mönch sprach über Gott und die Welt und die schwierigen Zeiten der katholischen Klöster und den neuen Glauben der Ketzer. Johannes war mutig und entgegnete:

"Frater, ich kenne das Klosterleben, ich kenne auch die schlechte Betreuung der Gläubigen da und dort, und ich kenne die Geldgier, die im Klerus um sich greift. Ich bekenne, dass ich das, was mir mein Klostergelübde auferlegt, vor meinem Gewissen nicht mehr unbegrenzt erfüllen kann."

Der Mönch war von einer solchen Sprache zutiefst betroffen, er stand wortlos auf und ging hinaus.

Kurz darauf trat der Wirt in die Gaststube mit seiner großen Tafel, um das Zehrgeld von seinen Gästen einzusammeln. Für jeden Gast hatte er einen Kreis mit Kreide hingemalt. Jeder trat hinzu und entrichtete die Zeche, indem er die Münzen auf einen dieser Kreise legte. Als alle Kreise gefüllt waren, strich der Wirt das Geld in einen fettigen Lederbeutel. Dann wies er jedem der Gäste eine dürftige Bettstatt in den verschiedenen Kammern und Nebengelassen an.

Johannes wurde ein Nebengelass gegeben, in dem nur eine Pritsche stand. Er trat ein und ehe er es sich versah, wurde die Tür hinter ihm zugeschlagen und verriegelt. Da saß er nun. War dies das Ergebnis seiner Unterhaltung mit dem Mönch?

Die Nacht wollte kein Ende nehmen. Zwischendurch musste Johannes Jagd auf Flöhe und Wanzen machen, die seine Nachtruhe störten, und dann ließ ihn der Gedanke nicht schlafen, dass er eingesperrt war.

Morgens früh hörte Johannes, wie die Gäste sich in der Wirtsstube versammelten, er rüttelte an seiner Tür und rief laut nach dem Wirt, aber niemand machte Anstalten, ihn zu befreien. Nach langen Stunden, die anderen Gäste waren schon weitergereist und das Glöcklein auf dem Dachreiter der Klosterkapelle hatte schon dreimal zum Gebet geläutet, hörte er schwere Schritte von mehreren Männern. Der Riegel seiner Tür wurde zurückgeschoben und drei kräftige Gestalten standen in der Tür. Sie packten ihn, ohne auf seine Fragen zu antworten und führten ihn über eine schmale Treppe in einen anderen Teil der Klosteranlage. In einem größeren Raum saß der Amtmann in einem hohen Holzstuhl. Der Amtmann begann ein Verhör. Er wollte wissen, wann, warum und mit wem er nach Steinheim gekommen sei, wohin er wolle und warum. Johannes war zunächst verschlossen, doch seine Wahrheitsliebe und sein Mut zwangen ihn, zu bekennen, dass er vom Kloster Fulda käme, dort aus Gewissensgründen dem Klosterleben entflohen sei und nun einen Ort suche, in dem er seiner religiösen Überzeugung leben könne. Dass er sich allerdings seit Jahren mit den Schriften des Ulrich von Hutten beschäftigte und die Thesen Martin Luthers kannte und vertrat, verschwieg er wohlweislich, denn Johannes entnahm aus der Sprache des Amtmannes, dass der Abt des Klosters ein wütender Gegner Luthers war.

Der Amtmann aber hegte einen noch ganz anderen Verdacht: Vor kurzem war nahe Steinheim ein erschlagener Mann aufgefunden worden. Könnte der junge Mann dessen Mörder sein?

Der Abt hatte gestern den Steinheimer Amtmann schriftlich angewiesen, jeden verdächtigen Fremden festzusetzen. So ließ der Amtmann Johannes wieder einschließen.

Ein Klosterbruder aber, ein einfältiger Geselle, der Johannes täglich seine karge Mahlzeit zu bringen hatte, schilderte Johannes weit ausholend und blumig die Vorzüge des Steinheimer Galgens: dieser sei kräftig gebaut, man könne von dort das ganze Steinheimer Becken überblicken bis hinauf nach Gnannenweiler. Das Seil sei aus bestem einheimischem Hanf - und genügend Krähen säßen auf den Hainbuchen in der Nähe - und er sei sicher, dass Johannes auf dem Galgenberg enden würde. Endlich sei dann in Steinheim wieder einmal etwas los, weil, so habe er gehört, eine Hinrichtung immer ein Volksfest sei. Bei diesen Erzählungen weidete sich der Klosterbruder an der Gemütsbewegung des Gefangenen. Ja, er ging so weit, dass er Johannes anbot, ihm den Galgenberg und den Galgen von der Klostermauer aus zu zeigen.

Während der Klosterruhe über die Mittagszeit führte der Klosterbruder den Johannes an eine Stelle der Klostermauer, an der das Mauerwerk bis auf Bauchhöhe abgebröckelt war, so dass Johannes einen freien Blick hatte auf den Galgenberg, der zwischen dem Wald auf der anderen Bergseite und der Riedniederung lag und aussah wie ein kahler Schädel, obenauf der Galgen. Die Bäume ringsum erinnerten ihn an die verhasste Tonsur.

Johannes sah hinüber zur Burg Hellenstein - und zu seiner größten Freude sah er auf der Koppel unterhalb der Klostermauer Pferde weiden. Johannes war schon als Kind ein ausgezeichneter Reiter gewesen und mit einem Blick beurteilte er die grasenden Pferde. Darunter war ein schwarzer, edler Hengst, dem nur der Sattel abgenommen worden war. Offensichtlich war er nur vorübergehend auf die Weide gebracht worden.

Johannes schätzte die Höhe der Klostermauer und wägte ab, ob er den Tod durch den Sturz von der Klostermauer oder den Tod dort drüben am Galgen erleiden wolle.

Plötzlich schwang sich Johannes über die Klostermauer, rollte einiges den Steilhang hinab, rannte zu dem Rappen, sprang auf und ritt ohne Sattel den Berg hinunter, dem kleinen See entlang, durch sumpfige Wiesen und dann nach Süden über die abgeernteten Felder. Der Klosterbruder war zunächst stumm vor Schreck, schrie dann aber aus Leibeskräften: "Er flieht! - der Mörder flieht!"

Johannes war noch kaum drüben am Hang, unweit dem Burgstall, der ehemaligen Burg Michelstein, als Reiter nachfolgten. Johannes wusste, was er zu erwarten hatte, wenn sie ihn erreichten. Aber er wusste auch, dass weiter südlich die Landesgrenze zum evangelischen Ulm war: Ein scharfer Ritt, eine knappe Stunde, jetzt im Herbst, konnte ihm die Freiheit bringen. Zum Glück saß er auf einem vorzüglichen Pferd, das gut ausgeruht war.

Er ritt wie der Wind und die Verfolger kamen nicht näher.

Gerstetten lag weit im Westen auf der Höhe. Noch ein kleiner Höhenzug und Johannes war auf Ulmer Gebiet. Zwischen den Bergrücken von Heldenfingen und Heuchlingen stand eine Baumgruppe aus alten Linden. Dort lehnte ein Schäfer auf seiner Schippe bei seiner Schafherde, der die Verfolgungsjagd von Weitem beobachtete. Als Johannes auf Rufweite nah war, rief er ihm zu: "Reit' zur heiligen Freistatt am Hungerbrunnen, dort, das kleine Tal runter"! Und er wies ihm mit der Schippe die Richtung. Der Rappe hatte Schaum vor dem Maul, aber nun ging es leicht bergab. Rechts und links wuchs Gestrüpp am Wege und der Weg senkte sich in das Tal hinab. Vorne leuchtete schon saftiges Grün im Talgrund und es schien ein Platz eingefriedet zu sein. Was auch immer Johannes erwartete, er musste, ja er konnte nur noch dorthin.

Seine Verfolger hatten ihn jetzt fast erreicht, sie ritten an der Kante der Hochfläche rechts und links des Tales entlang und johlten schon am Hang über ihm. Da sah Johannes die Quelle und dort war die Freistatt und anschließend Ulmer, protestantisches Land. Johannes war in Sicherheit.

Und der Rappe? Den ließ Johannes, nachdem er ihn getränkt und mit Stroh abgerieben hatte, mit einem Klaps laufen. -  Und die Klosterleute mussten den Rappen einfangen und nach Steinheim zurückbringen.

 

Informationen zu „Der Galgenberg“

Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden Württemberg, 7. Auflage 1994

Nr. 7326 – Heidenheim an der Brenz

Galgenberg, Höhe 545,6 im Planquadrat 79/95

Steinheim ist Hauptort des Kloster-Territoriums (Königsbronn). Das mit dem Marktrecht verbundene Halsgericht ist zentrales Gericht der Kloster-Herrschaft. Kaiser Friedrich III. freit 1446 die Klosterleute von fremden Gerichten.

1446 gibt das Kloster Königsbronn bekannt, dass das Steinheimer Halsgericht mit verständigen Leuten aus dem Dorf Westhaim zu besetzen ist.

In die Zeit ulmischer Hoheit (1521-1539) über die "Herrschaft Heidenheim" fallen die Anfänge der Reformation. (Thesen Martin Luthers: 31. Oktober 1517). Die Bauern fordern 1520 im Namen des Evangeliums Gleichberechtigung mit den anderen Ständen und Beseitigung der Frondienste - 1525 Bauernkrieg.

Der Ulmer Rat beruft 1524 einen lutherischen Prediger nach Ulm. 1531 tritt die Stadt Ulm dem Bündnis der Protestanten in Schmalkalden bei. 1539 wird in Heidenheim gepredigt. 1540 wird die Neuordnung in Heidenheim durchgeführt.

1541 stirbt der letzte Königsbronner Klosterangehörige, der die Steinheimer Pfarrei versah. Der ehemalige Königsbronner Mönch Thomas Frech, Pfarrer in Söhnstetten, versieht nun die Pfarrei des Hl. Petrus und hält die ersten evangelischen Predigten.

Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden Württemberg, 6. Auflage 1995

Nr. 7426 – Langenau

Hungerbrunnen im Planquadrat 78/84

Es werden die Quelle im Hungerbrunnental, wie auch das Knillwäldchen, als "starke Plätze", in mythischem Sinne, bezeichnet.

Die ehemalige Freistätte im Hungerbrunnental war ein vermarkter Platz von 40 x 60 m, auf dem in regenreichen Jahren eine Karstquelle entspringt, der Hungerbrunnen. Der Platz galt als Freiung für strafrechtlich Verfolgte. Heuchlingen, Heldenfingen und Altheim waren "seit unvordenklichen Zeiten" gemeinsame Eigentümer und hatten dort Weiderechte. Dem Hungerbrunnental entlang verlief eine alte Hoheitsgrenze. Über den Ursprung der Freiung ist urkundlich nichts bekannt, aber ein uralter Kultplatz an dieser Karstquelle könnte diese Freistätte, dieses "Kirchenasyl" begründen.

 

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