Der
Hirschfelsen
Teil II: 1302
n. Chr.
Teil
III: Argotzweiler, Gnannenweiler, Felgenhof
Die
Treiber der königlichen Jagd standen schon tage- und nächtelang im Wald.
Es war ungewöhnlich, eine Jagd schon im Spätsommer abzuhalten, doch es
schien ein besonderer Grund für diese Jagd vorzuliegen. Diesmal ging es,
so wussten die Jäger des Helfensteiners zu sagen, nur gegen den weißen
Hirsch, einen prächtigen Zwölfender und um dessen Geweih, das der Hirsch
jetzt abgefegt hatte. Vom Grafen Ulrich von Helfenstein war die Jagd
höchstselbst angeordnet worden und der Fangstich war dem König
vorbehalten. Der Hirsch stand schon einige Jahre im Revier und die Jäger
wunderten sich, dass das Tier bisher geschont worden war. Die wildesten
Gerüchte gingen jetzt um, da Graf Ulrich alle Männer aus Steinheim und aus
den umgebenden Orten zum Frondienst für diese Jagd befohlen hatte. Man
munkelte, ein Sohn des Königs würde die Tochter des Grafen ehelichen oder
der Graf hätte dem König gegenüber geheime Pflichten zu erfüllen - aber
niemand wusste etwas genaues.
Die
Jäger hatten den weißen Hirsch auf dem Hochberg, nahe dem heutigen
Klösterle, in den letzten Nächten mehrmals gesehen und darauf die
Waldungen mit Seilen, Tüchern und Fackeln abgesperrt. Auch die
Wentalschlucht war talaufwärts durch Treiber verschlossen worden. Eine
Treiberkette stand im jenseitigen Wald des östlichen Wentalhanges, bis
hinunter zum großen Törlesfelsen am Eingang der Schlucht.
Mit
der Herrschaft war vereinbart, eine andere Treiberkette bei Sonnenaufgang
von Argotzweiler bis hinüber zum Klösterle, über den Hochberg, in das
Wental hinunter zu ziehen.
Als
der Himmel im Osten sich langsam verfärbte, vom dunklen Schwarzblau, zum
fahlen Graublau, das bald mit einem zarten Rosa überzogen war, wurde die
Jagdgesellschaft unruhig. Jetzt sahen die Treiber auf dem Berg die ersten
Sonnenstrahlen aufblitzen und als sich die Sonne über dem jenseitigen Wald
erhob, erklangen die Jagdhörner und jeder Jagdhornbläser gab sein
Hornsignal dem anderen weiter bis der ganze Wald erschallte. Die Treiber
huben an mit Schlagen und Schreien und sie zogen durch den Wald zu Tal.
König
Albrecht, der Habsburger, Herzog Albrecht von Rechberg und Graf Ulrich von
Helfenstein hatten sich mit Gefolge unten, am Talausgang, dort, wo das Tal
beim Törlesfelsen eng wird, eingefunden. Der König lachte wohlgelaunt und
rief dem Grafen zu: "Graf Ulrich, ich meinte zur Jagd zu reiten, jetzt
habt ihr mich mit einem Konzert empfangen! Bin gespannt, was uns sonst
noch geboten wird."
Da
brach es schon aus dem Wald: Eichhörnchen, Hasen, Rehe und Hirsche.
Birkhühner flogen auf und die Krähen zogen in Scharen am blauen Himmel
davon. Aber von dem weißen Hirsch fehlte jede Spur.
Doch
das Treibergeschrei schwoll plötzlich von rechts und links des Tales
mächtig an und auf den Hifthörnern wurde geblasen was die Lunge hielt.
Jeder dachte, der weiße Hirsch würde, wie alle anderen Tiere, das Weite
suchen durch eine Flucht zum Talausgang. Die Hundemeute wurde losgelassen
und der König machte sich kampfbereit.
Da
trabte der prächtige weiße Hirsch den Talgrund herab, brach aber plötzlich
kraftvoll seitwärts durch das Unterholz, rauschte den Osthang hinauf,
hindurch durch die enge Reihe der entsetzten Treiber, zog behend hinüber
zum Törlesfelsen und in die Felswand hinein. Die Hundemeute folgte ihm
laut kläffend. Der weiße Hirsch stieg rasch weiter auf einem schmalen
Felsband bis zur höchsten Felsklippe.
Auch
dorthin folgten ihm die Hunde.
Mächtig kämpfte der Hirsch oben auf schmalem Grat und jeder Hund,
der ihm zu nahe kam, wurde in die Tiefe geschleudert. Die Jagdgehilfen
dachten an die kostbaren Hunde des Königs, wollten zum Felsen eilen und
durch Jagdpfeile dem Kampf ein Ende bereiten. Doch da richtete sich der
Hirsch auf. Es war kein Hund übriggeblieben. Der weiße Hirsch zeigte sich
in seiner ganzen Herrlichkeit:

(Der
Hirschfelsen von Adalbert Feiler)
seine
kraftvolle Gestalt, gekrönt von einem prächtigen Geweih, zeichnete sich
gegen den blauen Himmel mächtig ab. Sein Blick schien in die Ferne
gerichtet. Im Anblick dieses majestätischen Tieres ließ der König die Jagd
abblasen. Zum Grafen Ulrich gewandt sprach er: "Ein edles Tier habt Ihr im
Revier, es soll dort verbleiben, bis uns das Jagdglück holder sein mag."
In
diesem Augenblick tat der weiße Hirsch einen mächtigen Satz, er sprang vom
Fels und entwich, und niemand hat ihn je wieder gesehen.
Seit
dieser Zeit wird der Törlesfelsen Hirschfelsen genannt.
Informationen zu „Der Hirschfelsen“
Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden
Württemberg, 7. Auflage 1994
Nr.
7326 – Heidenheim an der Brenz
Hirschfelsen, Planquadrat 76/95
König
Albrecht kauft die Burg Herwartstein mit den dazugehörigen Wäldern,
Wiesen, Weiden und Feldern, mit Bännen, Gerichtsbarkeit und allen
sonstigen Rechten, auch Springen, mit dem Patronatsrecht der Kirche und
die Weiler und Burgen ... Spicht , Weikersberg, Utzmannsweiler,
Hermannsweiler, Bibersohl, ... Itzelberg, Zahnberg und außerdem die Vogtei
des „Klösterleins“ (Chorherrenstift) zu Steinheim mit all seinen
Besitzungen und Rechten. Dies kauft König Albrecht nicht als König - er
betrachtet wohl Herwartstein ohnehin als Reichseigentum - sondern als
Privatperson, um frei darüber verfügen zu können. Dagegen verpfändet König
Albrecht I. die Burg Hellenstein mit der Stadt und dem Dorf Heidenheim an
Herzog Albrecht von Rechberg, Verwalter der Reichsvogtei im Unterland.
Graf
Ulrich soll die Güter dem Abt des Zisterzienserklosters in Salem
übertragen, der den Plan des Königs auszuführen und die neue Abtei damit
auszustatten hat. Salem am Bodensee wird dadurch Mutterkloster von
Königsbronn.
Graf
Ulrich III behält sich seine Dienstleute sowie das Jagdrecht vor, doch
soll auf den genannten Gütern nicht mehr gejagt werden.