Rechenwasser und Rechenzell
Teil II: 650 n. Chr.
Teil
III: Rechenwasser und Rechenzell
Am
südlichen Fuße des Kolmannsberges lag in der Frühsonne - es war Mitte Juli
- der kleine Weiler Rechenwasser am tiefdunklen, klaren Teich. Der
Fieberklee hatte grüne Polster gebildet und in der Entengrütze
schnatterten die Enten der jungen Bäuerin.
Der
Großvater fing den alten Esel ein, packte ihm das Traggeschirr auf den
zotteligen, abgearbeiteten Rücken, band ihm einen Strick um den Kopf und
wollte gerade hinauf zur Bergeshöhe. Da kamen die beiden Mädchen der
Bäuerin angehüpft. Sie baten den Großvater, er möge sie mitnehmen. So
zogen sie gemeinsam den uralten, ausgefahrenen Weg den Berg hinan. Im
lichten Wald war der Fingerhut, der weiße und der rote, am abblühen und
das Waldweidenröschen streckte die ersten rosa Blüten aus den Knospen.
Bald
überquerten sie ein kleines Wasserrinnsal und dann ging es steil bergan.
Die Sonne schien den Vieren kräftig auf den Rücken und die Mädchen wurden
durstig. Doch der Großvater meinte, das sei das richtige Wetter für die
Grasernte.
Inzwischen erreichten sie, direkt unter der Bergkuppe, eine Kapelle, die
von einigen Häuschen umstanden war. Unter einer mächtigen Linde, die einen
größeren Platz beschattete, ruhten sie sich aus. Von der Kapelle klang das
Psalmodieren eines Mönches herüber, und ein anderer, ein junger Bursche,
brachte den erhitzten Mädchen eine Schale mit frischem, kühlem Tee.
Großvater wechselte einige Worte mit dem jungen Mönch, bedankte sich und
zog hinüber zu seiner Waldwiese. Feines Waldgras war vorgestern
geschnitten und in Bahnen ausgelegt worden. Es war schön abgetrocknet und
fast drei Ellen lang. Der Großvater wendete das Gras sorgsam, sodass auch
die Unterseite vom Tau abtrocknen konnte und dann fing er an die Grasmahd
in kleine Garben zu binden. Dazu benutzte er ein kleines Bündel des zähen
Grases. Die Mädchen wollten mithelfen, aber der Großvater warnte sie: "Das
Gras ist messerscharf! Ihr schneidet euch damit eure zarten Händchen auf.
Schaut her, sogar meinen schwieligen, harten Händen setzt das Gras arg
zu". Und damit arbeitete er kniend weiter.
Die
Mädchen suchten sich ein schattiges Plätzchen unter einem größeren
Hainbuchenbaum, brachen von Reisig Ästchen ab, bauten daraus ein kleines
Häuschen und richteten es mit Moos und Laubblättern ein, für ihre
Püppchen, die sie aus Gras, Blumen und Blättern banden. Zwischendurch aßen
sie die letzten Walderdbeeren des Jahres, die am sonnigen Rain reiften und
die ersten Himbeeren, die im Halbschatten der Bäume besonders gut
gediehen; auch Blaubeeren fanden die Kinder schon da und dort.
Doch
schließlich langweilten sich die Mädchen. Sie kamen zum Großvater und
frugen, wann es Zeit sei zum Heimgehen. Doch der Großvater war mit der
Arbeit noch nicht fertig, weshalb er den Kindern zur Kurzweil diese
Geschichte erzählte:
"Vor
hundert Jahren oder noch viel weiter zurück, so erzählte mein Urahne, gab
es einen schlimmen, rauen Herbst. Es war kalt, nass und stürmisch, und die
Wolken fegten Tag um Tag und Nacht um Nacht über das Land und blieben,
wenn der Sturm nachließ, in den Bäumen hängen. Auf den Wiesen und Äckern
stand das Regenwasser in kleinen Seen, die Hirse keimte auf dem Halm und
die Linsen drohten auf den Äckern zu verfaulen.
Abends
saßen die Menschen in ihren armseligen Hütten beisammen. Jeden Abend
sprachen sie darüber, dass sie einem Gott ein großes Opfer darbringen
müssen um die Not abzuwenden, aber jeden Abend wurde ein anderer Gott
vorgeschlagen als am Abend zuvor. Wollte der Eine dem Wettergott opfern,
so wollte der Andere der Fruchtbarkeitsgöttin sein Opfer darbringen und
der Dritte wollte gar den bösen Geistern opfern um sie milde zu stimmen.
Und die Menschen konnten sich nicht einigen. Sie stritten sogar immer
heftiger. Schließlich blieben sie rat- und hilflos. Dabei sehnten sich die
Menschen so sehr nach Licht und Sonne - und sie hatten eine große Angst
vor der Hungersnot im Winter.
Eines
Abends klopfte draußen jemand und bat um Einlass - der Sturm heulte
fürchterlich um die Hütten und der Regen, vermischt mit Schnee, peitschte
waagerecht das Land - . Draußen stand ein Wanderer, durchnässt bis auf die
Haut, und er fror, dass er zitterte. Die Menschen führten ihn in die Hütte
und hießen ihn willkommen. Eine unendliche Herzenswärme ging vom dem
Wanderer aus und die Menschen erfüllte eine große Freude und sie fühlten
sich frei von einer schweren Last und zugleich geborgen.
Die
Menschen behandelten den Wanderer als hohen Gast, gaben ihm zu essen,
obwohl sie für sich selbst kaum genügend Nahrung hatten und pflegten seine
wunden Füße. An den Abenden erzählte der heilige Coloman, der war nämlich
der Wanderer, dass die alten Götter nicht mehr die Kraft haben auf der
Erde den Menschen zu helfen. Aber es sei Christus, der Herr der
Sonnenkräfte, zu uns auf die Erde herniedergestiegen und er habe auf Erden
gelebt bis zu seinem bitteren Tode am Kreuz. Und der heilige Coloman
verkündigte den Menschen die tiefste Wahrheit: "Christus der Herr opferte
sich der Erde und den Erdenmenschen. Nach drei Tagen ist er vom Tode
auferstanden und erfüllt seither die Herzen der Menschen, die ihn darum
bitten, mit Wärme und Liebe.
Die
Menschen ergriff eine große Hoffnung. Sie fühlten die Sonnenwärme in ihren
Herzen und wussten nun: Die Zeit ihrer alten großen Götter ist vorbei. Sie
baten den heiligen Coloman, bei ihnen zu bleiben und sie im Glauben zu
unterweisen. Sie bauten ihm eine Behausung oben am Berg, wo er sich von
der Welt im Gebet zurückziehen konnte. Draußen aber, vor der Klause, ging
der Blick weit nach Osten gen Sonnenaufgang, weit nach Westen gen
Sonnenuntergang und weit nach Süden, wo die Sonne mittags im Zenith steht.
Nachts aber stand über der Zelle, genau im Norden, der Polarstern.
Seht
ihr, ihr lieben Mädchen," sagte der Großvater, "drüben in der Kapelle, bei
der ihr heute früh vom jungen Mönch die Erfrischung erhalten habt, lebte
der heilige Coloman einige Zeit. Er war es auch, der uns gelehrt hat, das
Gras hier sorgsam zu trocknen und als Polster in unseren Betten zu
verwenden. So hat uns der heilige Coloman nicht nur die Herzen, sondern
auch den Leib in den kalten Nächten erwärmt."
Mit
diesen Worten beendete der Großvater seine Arbeit. Er lud dem Esel eine
hohe Bürde Grasgarben auf den Rücken und dann zogen sie die uralte Straße
hinunter, vorbei an der Colomankapelle, nach Rechenwasser.
Informationen zu „Rechenwasser und Rechenzell oder der Heilige Coloman“
Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden
Württemberg, 7. Auflage 1995
Nr.
7225 – Heubach
Kolmannswald/Kolmannseck, Planquadrat 71/98-99,
Eine
der Wurzeln der iroschottischen christlichen Kirche dürfte in der
Verbindung zu den vorderasiatischen christlichen Strömungen der Galater
(Kelten) zu suchen sein. Schon bei den Kelten gab es eine dreifältige
Gottheit als Einheit (Tanaros - Vatergottheit, Lug (Bel) - Sohnesgottheit,
auch Lichtgottheit, und Jungfrau Brigantia (Brigit). Das Keltentum reichte
in seinen höchsten religiösen Vorstellungen in die Nähe des Christlichen
heran. Deshalb konnte sich die Assimilierung mit dem frühesten Christentum
in Irland in friedlichem Nebeneinander vollziehen.
Coloman, iroschottischer Mönch, war der Gefährte des St. Kilian, mit dem
er 689 ermordet wurde.
"Kilian, der Heilige, der Apostel der Franken, ein Schotte, verliess in
der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts mit einigen seiner Gefährten,
Coloman, Gallus, Arnivlus und Tottanus sein Vaterland um das Christentum
zu verkündigen. Er begab sich nach Ostfranken, wo er zu Würzburg das
Evangelium verkündete. Der Herzog dieses Landes, Gozbertus, war mit seines
Bruders Tochter, Geilane, vermählt. Als nun Kilian diese Ehe als
blutschänderisch erklärte und die Trennung beider Gatten verlangte, ließ
ihn die erzürnte Geilane 689 mit seinen Gefährten heimlich ermorden."
Würzburg verehrt den heiligen Kilian als seinen ersten Bischof.
Rechenzell und Rechenwasser
Die
bisherige Ortsdeutung für Rechenzell (Klösterle auf dem Hochberg) ist
unbefriedigend, vermutlich jedoch falsch, da meistens die beiden
Weilerstätten Rechenzell und Rechenwasser gemeinsam genannt werden
("...verzichtet der Abt von Anhausen zugunsten des Grafen Ulrich d.J. auf
die Rechte in Irmannsweiler und in den in dessen Nachbarschaft gelegenen
Weilern Rehwasser, Rächenzell, Fachensohl und Mackmannsweiler ...")
Auch
die linguistische Ableitung Rechen... von Recho ist nicht ohne weiteres
nachvollziehbar. Wenn auch Hohensol und Hesselschwang im Hochmittelalter
zum Klosterbesitz Anhausen gehörte (1143 ... in locis Hohensol) und
ebenfalls Rechenzell und Rechenwasser, so kann daraus geschlossen werden,
daß diese beiden Weiler auch in dieser Gegend angesiedelt sind:
Zwei
Kilometer nw von Hohensohl stand bei der Höhe 726,5 m eine Colomankapelle.
1 km nördlich davon liegt das noch verhältnismäßig junge Rötenbach und
unmittelbar sw an den Kapellenhügel schließt sich die "Rauhe Wiese" mit
weiten Feuchtgebieten an. Am Rande dieses Feuchtgebietes, am südlichen
Fuße des Kolmannsberges, findet sich ein Teich mit (heute spärlichem)
Wasserzufluß. Außerdem finden sich im angrenzenden Waldgebiet Pflanzen,
die auf eine frühere Besiedelung schließen lassen.
Vielleicht läßt sich "Rauhe" Wiese von "reche" (frz. rauh = keltischer
Sprachstamm) ableiten. Damit könnte Rechenzell und Rechenwasser erklärt
sein (allerdings führt auch zum Klösterle auf dem Hochberg die "Rauhe
Steige").
Darüber hinaus kann vermutet werden, daß die ehemalige römische
Verbindungsstraße von Aalen (Hammerstadt) nach Urspring über das
Weiherwiesenkastell - Bartholomeus (Laubenhardt) - Hesselschwang -
Kolmannsberg - Rechenzell (Kolmannskapelle) - Rechenwasser - ... ging.
Rechenwasser (Rehwasser)
Urkundlich belegt:
·
1358 "... verzichtet der Abt von Anhausen zugunsten des Grafen
Ulrich d.J. auf die Rechte an ... Rehwasser, Rächenzell ..."
·
1492/94 "... auch was zu den weylerstatten Rechenwasser und
Rechenzell der Herrschaft zugehörig ..."
Rechenzell
"Zella(e)
des Recho"
Eine
falsche Annahme: "Abgegangenes kleines Kloster, später Weiler bei
Steinheim, wohl
im
Walddistrikt Klösterle nw von Steinheim" (siehe aber unter "Rechenzell und
Rechenwasser")
Urkundlich belegt:
·
1358 "... verzichtet der Abt von Anhausen zugunsten des Grafen
Ulrich d.J. auf die Rechte an ... Rehwasser, Rächenzell ..." (zu dieser
Zeit gehörte das „Klösterle“ noch zum Stift Roggenburg)
·
1463 Rechentzell
·
1471 Rechenzell
·
1492/94 "... auch was zu den weylerstatten Rechenwasser und
Rechenzell der Herrschaft zugehörig ..."