Die Grabhügel auf dem Vorderen Grot
Teil II: 800-400 v. Chr.
Teil III: Stockheim
Letzte
Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Aber Ihr werdet meine Träume nicht
hören wollen - oder vielleicht doch? - Nun, wo soll ich beginnen?
Es
schien mir, als wäre ich ein Kind und mittendrin in einer Menschenmenge, die
auf dem Kammweg der weiten Albhochfläche, dem heutigen Zigeunerweg, nach
Süden wanderte. Meine Mutter ritt auf einem braunen Pferd und hielt mich im
Arm und ich kuschelte mich an ihre Schulter. Zuweilen schaute ich nach
hinten über die Schulter meiner Mutter und sah eine große Pferdeherde in
einer Staubwolke folgen. Dann schaute ich nach vorne, aber ich konnte nur
undeutlich erkennen, was dort vor sich ging. Die Nachmittagssonne stand am
blauen Himmel und blendete mich. Zwischen herbstlich gefärbten Laubbäumen
bewegten sich bunt gekleidete Menschen auf ihren Pferden. Sie trugen
fahlgelbes, steifes, in die Höhe stehendes Haar, die Kleidung war kariert
oder gestreift - alles in feinen kleinen bunten Karos und Streifen. Zwischen
und über den Reitern blinkte, blitzte und funkelte es vom Waffenschmuck. Auf
seltsamen Hörnern wurde schauerlich laut geblasen und die rauen Stimmen der
Männer erfüllte die Luft. Und meine beiden kleinen schwarzen Hunde liefen
zwischen den Pferdehufen hin und her und kläfften.
Von
bescheidenen Hütten in der umliegenden Gegend zogen Familien mit ihrem Vieh
zu uns und schlossen sich dem Zug an. Der Zug der Wanderer schien mir
unendlich lang. Immer wieder kamen neue Menschen dazu. Es war schließlich
eine unübersehbare Menschenmenge, die sich über eine liebliche Bergkuppe
ergoss und sich hier offensichtlich zur Ruhe niederließ.
Meine
Mutter ritt mit mir weiter, bis wir an einen Erdwall kamen. Vor dem Wall lag
ein Wallgraben. Meine Mutter ritt bis zu einer Baumgruppe mit mächtigen
Buchen, wo sie zum Torhaus einbog. Auf beiden Seiten des hölzernen
Torhauses, waren lange, dünne Stangen aufgerichtet, auf denen weiße, kahle
Schädel im Abendlicht leuchteten. Mir schien, wie wenn zwei Monde zu mir
herabschauten - oder zwei Lampions. Vor uns lag ein großer Platz, der im
Geviert von dem Wall umgeben war. Im Hintergrund stand ein größeres Holzhaus
mit einem Umgang, einer Veranda. Dann lagen abseits noch einige kleinere
Holzhütten und im dem Geviert, gleichsam in der Mitte, stand eine mächtige
Eiche.
Meine
Mutter durchritt den viereckigen großen Platz, schwang sich mit mir vom
Pferd und betrat erhobenen Hauptes die Veranda des großen Hauses. In der Tür
wurden wir von einem sehr alten Mann mit wallendem weißem Haar, das über
sein blaues Gewand fiel, empfangen. Würdevoll begrüßte er meine Mutter.
Das
Gespräch, das nun folgte, konnte ich nicht verstehen, aber ich fühlte, dass
meine Mutter unendlich traurig wurde.
In einer
Hütte nahebei saßen mehrere Frauen beisammen. Wir wurden begrüßt und es
schien, als würden die Frauen ein Fest vorbereiten. Gewänder wurden genäht,
Keramiktöpfe bemalt, Zopfgirlanden aus Pferdehaar kunstvoll geflochten und
goldene Hals- und Armreifen poliert, dass sie im letzten Abendlicht
aufleuchteten.
Meine
Mutter wickelte mich in ein dickes Schaffell, strich mir zärtlich über das
Haar und setzte sich zu den anderen Frauen in der Nähe. Sie sprachen leise
miteinander, worüber ich einschlief. Beim Einschlafen sah ich Menschen aus
einem tiefen Schacht im heiligen Geviert steigen. Sie trugen auf ihren
Köpfen Metallschalen und flache Körbe aus Birkenrinde, die mit Erde und
kleinen Steinen angefüllt waren. Aufrecht wandelten sie hinaus aus dem
Geviert und ein Stück den Hang hinunter, entleerten dort ihre Schalen und
kehrten zurück - ein ewiges Kommen und Gehen.
Ein Zug
Reiter kam daher. Sie ritten mit gesenkten Häuptern. Einige Rösser trugen
Lasten: es waren Menschen, die im Kampfe gefallen waren.
Männer
zimmerten dort, wo die Menschen die Erde aus dem Schacht aufgehäuft hatten,
kleine Holzräume.
Gleichzeitig sah ich im Traume, wie in den tiefen Schacht, in seinen Grund,
ein langer heiliger Pfahl eingetrieben wurde. Inmitten vieler Menschen
opferte der Druide über dem Schacht das Blut eines Stieres.
In der
Nähe brannte ein großes Feuer. Über der Glut wurde das Opfertier an einem
Spieß gebraten.
Da
ertönten wieder die blökenden, quakenden und pfeifenden Instrumente und die
Menschen fielen ein in das Instrumentengetöse mit ihrem Gesang. Danach
begann das Festmahl: die Menschen verzehrten das gebratene Fleisch und das
geröstete Korn, und Kelche mit Honigmet wurden in der Runde gereicht.
Der Tag
verdämmerte. Die Menschen sammelten alles auf, was vom Mahl übriggeblieben
war. Alle Knochen des Opfertieres wurden zerschlagen, auch die Töpfe, in
denen das heilige Korn gelagert und die Schalen, aus denen das Korn und das
Fleisch gegessen worden war. Das alles versenkte der Druide, der Gottheit
opfernd, in den großen Schacht.
Es trat
in den Schein der verglimmenden Feuersglut der Barde mit seiner Harfe. Er
griff in die Saiten und sang uralte Sagen und Weisen, er sang von Taten der
Helden in dieser Welt und von Taten der Helden im Totenreich. Und die
Menschen umringten ihn und lauschten seinen Worten.
Und dann
sah ich, wie die gefallenen Kämpfer in die Holzräume getragen wurden, jeder
bekam seinen eigenen Raum und jeder Raum war vom andern fünfzig Schritt
entfernt und jedem Gefallenen wurden die schönsten Kleider und Schmuck
angelegt, auch glänzende Waffen trug man in die Räume und Schalen mit
gerösteten Getreidekörnern. Dann kamen wieder die Menschen mit den
Metallschalen und Körben aus Birkenrinde und trugen Erde auf die Holzräume.
Ein Erdhügel nach dem anderen entstand. Der unendlich lange, eintönige Zug
der Menschen, das monotone Kommen und Gehen, ließ mich in einen tiefen
Schlaf fallen aus dem ich heute früh erwachte.
Und was
blieb von alledem? Es liegen sechzehn Grabhügel im Grothau nahe beieinander.
Wenn ihr den Badweg hinaufwandert, findet ihr sie, sobald ihr den hohen
Buchenwald betreten habt.
Informationen zu „Die Grabhügel auf dem vorderen Grot“
Topographische Karte 1:25 000 des Landesvermessungsamtes Baden Württemberg,
7. Auflage 1994
Nr. 7326
– Heidenheim an der Brenz
Am
Westrand des
Steinheimer Beckens (ext.) in Planquadraten
75+76/94, Höhe 651,4 m, Zehnbuchenweg und Grabhügel.
Die
Kelten waren nicht sesshaft, ihre Habe konnten sie jederzeit mit sich
führen.
Die
Bezeichnung "Druiden" für die geistigen Keltenführer lässt sich herleiten
aus dem griechischen Wort "drus" für Eiche und dem indogermanischen "wid"
für Wissen. Es bestand ganz offensichtlich auch eine kulturelle Verbindung
mit Osteuropa und Vorderasien (Galater = Kelten).
Barden
hatten im Volke als wandernde Sänger und Erzähler den Mythos lebendig zu
erhalten. Sie waren ein Bindeglied zwischen den Druiden und den Fürsten.
Die
Grabhügel um Steinheim - insb. im Grothau und südl. Küpfendorf im
Küpfendorfer Holz - aus der älteren (800-700 v. Chr.) und der jüngeren
Hallstattkultur (600 - 400 v. Chr.) sind vermutlich im Zusammenhang zu sehen
mit je einer keltischen Viereckschanze, die nicht mehr auszumachen ist. Die
Viereckschanzen waren mit größter Wahrscheinlichkeit keltische Kultstätten.
(Peter Goessler und Friedrich Hertlein - Prof. Kurt Bittel ging davon aus,
daß die Entfernung der Viereckschanzen zu den Grabhügeln kaum mehr als 300 m
betrug.)
Die
Grabhügelansammlung im Grothau liegt im Bereich einer vermuteten zeitweise
keltisch besiedelten Anhöhe an einem Überlandweg, gleichzeitig Salzweg, von
der Donau zum Neckar (zwischen dem Vorderen Orient mit Griechenland sowie
Hallstatt und Hochdorf, Ludwigsburg, Hohenasperg).