Der Wäldlesfelsen
Es war im Sommer 1885.
Sofonias Theuß war
zehn Jahre alt und durfte über die Sommerferien zum Onkel, hinunter ins
Dorf, zwei Straßen weiter, zum Radgassbäcker Rau. Die Tante hatte ihn
empfangen. Er trug ein kleines Bündel unterm Arm mit dem Nachthemd und
einer Unterhose. Gleich stiegen sie die schmale, knarrende Treppe zum
Oberling hinauf, wo ein kleines, einfaches Zimmer für den jungen Gast
eingerichtet war. Eigentlich war dies das Zimmer für den Bäckergesellen.
Ab und zu stand ein Bäckergeselle auf Wanderschaft beim Radgassbäcker Rau
für ein paar Wochen ein. Doch zur Erntezeit war die Schlafstatt immer
frei.
Das Zimmer war rundum, auch an der Decke,
mit Brettern verschalt. Durch ein kleines Fenster, man konnte gerade den
Kopf hindurchstecken, sah man auf den Hof des Nachbarbauern. Der kam
gerade mit seinem Pferdegespann und einem Leiterwagen auf den Hof
gefahren, der hoch beladen war mit Ährengarben.
Die Tante rief Sofonias zum Abendbrot. Aus
der Backstube roch es nach Mehl und Teig. Zum Abendbrot gab es Brotsuppe
und Kartoffeln. Die dampfenden Kartoffeln waren mehlig aufgesprungen, an
den Schalen hingen etwas Salz und Kümmel. Die Suppenschüssel stand mitten
auf dem Tisch. Die Tante kam mit einer kleinen geschmiedeten eisernen
Stielpfanne, die unten vom Ruß schwarz war. Die Tante hatte die Pfanne vom
Herd, vom prasselnden Holzfeuer, genommen. Im siedenden Schweineschmalz
waren Zwiebeln braun gebraten. Es zischte, als die Tante die goldbraunen
Zwiebelscheiben mit dem flüssigen Schmalz über die Brotsuppe goß.
Inzwischen hatte jeder seine Kartoffeln geschält. Der Radgassbäcker sprach
ein Tischgebet und dann langte jeder mit seinem Löffel tüchtig zu. Alle
aßen gemeinsam aus der Suppenschüssel. Mit der andern Hand aß man die
Kartoffel, die man ab und zu in den Salzhafen tunkte.
Sofonias durfte zuschauen, wie der
Bäckermeister den Vorteig für das Brot mit dem Sauerteig anrührte, das er
in der kommenden Nacht backen mußte. Dann mußte noch ein Sack Mehl gesiebt
werden, das war eine harte Arbeit. Im Sieb blieben Spelzen und kleine
Strohteile, Teile von Körnern, aber auch kleine Mehlwürmer zurück. Die
kippte der Bäcker in einen kleinen Eimer und die Tante brachte das
Ausgesiebte den Hühnern.
Am andern Morgen wußte Sofonias, als er
erwachte, zunächst nicht wo er war. Er steckte so tief im Daunenkopfkissen
und in der Daunendecke. Von der Holzdecke schauten ihn Astlöcher an und es
war Tag. Hurtig schlüpfte er in seine Hose und streifte die Hosenträger
über. Weil es warm war, brauchte er keine Unterhose und kein Hemd. Barfuß
rannte er die Treppe hinunter. Die Backstube zog ihn magisch an. Da lagen
auf den Regalen an der Wand und auf Brettern am Hintereingang, frische
runde braune Brotlaibe, einer neben dem andern. Ein großer Korb war
gefüllt mit genetzten Wecken, ein anderer Korb war aufgehäuft mit
Doppelwecken. Der Onkel stand in der Backgrube und war eben dabei, aus dem
großen schwarzen Ofenloch Laugenbrezeln mit der langen hölzernen
Backschaufel herauszuziehen. In der Backstube duftete es unbeschreiblich
gut nach frisch Gebackenem.
Sofonias durfte sich gleich vom Ofen weg
einen Laugenwecken und eine Brezel nehmen und die Tante hatte schon heiße
Milch auf den Küchentisch gestellt.
Der Radgassbäcker war ein praktischer Mann
und Sofonias war gewöhnt, den Erwachsenen zur Hand zu gehen. So hatte
Sofonias bald einen Rückenkorb geschultert mit Brezeln und genetzten
Wecken. Der Bäcker hieß ihn, die Ware nach Sontheim zum Boschwirt in's
Wirtshäusle und zum Wirt in's Rössle zu tragen und die Tante ermahnte ihn,
er solle sich nicht aufhalten und unterwegs keinen Unsinn machen.
Es war immer noch früh am Morgen als
Sofonias über den Steinhirt lief. Bald hatte er das Backwerk richtig
abgeliefert und dafür beim einen Wirt ein Glas Sprudel und beim andern ein
kleines Glas Limonade bekommen.
Sofonias schritt jetzt wieder Steinheim zu,
doch gleich nach Sontheim zog es ihn hinüber in die Wiesen. Dort war ein
herrlicher Wassergraben mit Fröschen und kleinen Fischen, mit kleinen
Flohkrebsen und Brunnenkresse. Weil er ohnehin nur eine Hose an hatte,
konnte er nach Herzenslust im kalten Wasser herumwaten. Er überlegte, ob
er den Frosch, den er gerade gefangen hatte, in die Tasche stecken und mit
nach Hause nehmen solle, doch da fiel ihm ein, daß er ja bei der Tante zu
Besuch war, und deshalb traute er es sich doch nicht.

Schließlich ging er weiter, vorbei am
Dachsbau, hinauf zum Wäldlesfelsen. Seit einiger Zeit ging dort der
Verwaltungsaktuar von Steinheim einer seltsamen Arbeit nach. Jeder im Dorf
kannte den Aktuar. Er hatte immer ein gleiches, korrektes, vornehmes und
bescheidenes Auftreten. Er hielt sich aufrecht und war bekleidet mit einem
grauen Wettermantel und einem Filzhut, unter dem langes Haar hervorwallte
und in der Hand trug er einen derben Spazierstock. Anders kannte man den
Verwaltungsaktuar Schäffer in Steinheim nicht.
Doch hier, am Wäldlesfelsen, arbeitete er
plötzlich mit Spitzhacke, Schaufel und Schubkarre. Sofonias hatte schon
von den Erwachsenen gehört, der Aktuar müsse sonderbar geworden oder gar
im Kopf nicht mehr ganz normal sein.
Sofonias ging über das Steinfeld und
tatsächlich, der Herr Verwaltungsaktuar schaufelte eifrig ein Loch.
Sofonias blieb in angemessener Entfernung stehen. Doch Aktuar Schäffer
rief ihn her. Zögernd näherte sich der Junge und frug schließlich: "Was
macht er, Herr Aktuar?" Schäffer richtete sich auf, rieb sich den Rücken
und lächelte: "Schau", sagte er, "vor einem viertel Jahrhundert hat man
hier monatelang Steine und Felsen geholt für den Eisenbahndamm unten im
Brenztal und bis vor kurzem, das wirst du ja wissen, wurden immer noch
Steine zum Bauen gehauen und außerdem die Feldmarksteine. Sogar den großen
Felsen hier in der Mitte wollten die Leute auseinandersprengen, aber das
habe ich nicht zugelassen. Ich habe den ganzen kahlen, wüsten Steinriegel
gekauft und jetzt will ich daraus einen schönen kleinen Park machen.
Eigentlich ist das hier ein Paradies, wenn man von den Kreuzottern
absieht, aber es gibt ja auch Eidechsen. Man muss diese Höhe nur ein wenig
pflegen, dann wird sie schön - aber das glauben ja die Leute nicht. Schau,
dort auf der Südseite bin ich schon mit meiner Terasse am Berg fertig und
ich habe dort auch schon kleine Bäumchen gepflanzt." Damit legte er seine
Schaufel zur Seite und ging mit Sofonias um den Felsen herum. Da standen
sie auf einer wunderschönen Terasse, mit sauber aufgeschichteten Steinen
und einem angelegten Beet, das der Aktuar mit steiniger Erde angefüllt
hatte.
Erst jetzt sah Sofonias, dass dort schon
kleine Pflanzen wuchsen. Der Aktuar erklärte:
"Diesen Platz habe ich schon im Frühjahr
hergerichtet und gleich einiges gepflanzt: Sieh her, hier wächst ein
Feldahorn, dort ist eine Esche, eine Kirsche und eine kleine Eiche; weiter
drüben wächst schon eine Linde, ein Ahorn und eine Weide und eine Birke.
Und da unten habe ich ein paar Fichten gepflanzt. Das sind alles noch ganz
kleine Pflänzchen, aber ich bin sicher, sie werden einmal zu mächtigen
Bäumen heranwachsen; das wirst du sehen, wenn du groß bist."
Dann zeigte der Aktuar Sofonias kleine
Büschchen von Pfaffenhütchen, vom Schneeball, der Heckenkirsche und
natürlich vom Holunder.
"Dort drüben steht dann noch ein kleines
Fliederbüschchen und eine Heckenrose, und dazwischen habe ich Immergrün
gepflanzt. Kleine eingefasste Wege habe ich auch schon angelegt. Der Weg um
den großen Felsen ist schon fertig."
ergänzte der Aktuar.
Sofonias war stolz, daß gerade ihm der
wichtige Mann in Steinheim seine Arbeit gezeigt hatte und er strahlte über
das ganze Gesicht. "Darf ich wiederkommen?" fragte der Junge und Schäffer
antwortete ihm: "So oft du willst!"
Jetzt aber rannte Sofonias mit seinem
Bäckerkorb auf dem Rücken dem Dorf zu, denn es war spät geworden.
Die Tante fragte beunruhigt: "Aber Junge,
wo kommst Du so spät her? Ist etwas passiert?" Und aus Sofonias sprudelte
die Antwort hervor: "Die Wecken und die Brezgen habe ich schnell
abgeliefert, aber dann ..." er holte tief Luft, "... es gab so viele
Frösche und der Dachs ist noch da und der Verwaltungsaktuar ist gar nicht
dumm im Kopf!"
Die Tante unterbrach ihn: "Wie kommst du
darauf? - und eins nach dem andern!" Und dann erzählte Sofonias mit
hochrotem Kopf, was er gesehen und gehört hatte.
... viel später ließ Ludwig Schäffer an dem
Felsblock auf dem Steinhirt eine gußeiserne Tafel mit der Inschrift
anbringen:
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"Arbeit
härtet,
Entsagung macht frei,
Genußsucht und Trägheit
bringt
Sklaverei!"
Klappt man
die Tafel nach oben, liest man auf der Rückseite:
"ca. 10
Schritte von hier gen Norden haben
sich die Geschwister
Luise
Schäffer, geb. 1825, und Ludwig
Schäffer, geb. 1828 ihre
letzte Stätte hergerichtet
im
Jahre 1893"
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Die Tafel mit der folgenden Grabinschrift
ist verloren gegangen:
"Freiheit ist die Lebensluft
selbstbewußter Wesen,
hoch achte sie, dann fällst Du nie den
Menschen in die Hände!
doch willst Du Freiheit voll und rein,
kanns nur ein geistig Leben sein,
doch Menschenseele freue Dich,
wenn die bedürftige Hülle bricht."
Heute sind kleinere ovale Bronzetafeln auf
jedem der beiden Grabsteine angebracht:
Luise Schäffer Ludwig
Schäffer
1825-1908 1828-1916