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Spuren auf dem Albuch

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Stockbrunnen

Steinheimer Bote vom 18. Juni 1955, Nr. 25

von Rudolf Weit

 

Wer von der „Neuselhalder Fichte“ aus südostwärts zum Stubental hinab wandert, der kommt etwa halbwegs an  einer erdfallartigen Mulde vorbei, die mitten im Walde liegt, nahe am Weg, und die an ihrer tiefsten Stelle die alte eichene Einfassung eines zerfallenen oder zugeschütteten  Brunnens zeigt. Es handelt sich hierbei um den „Stockbrunnen“, der auf der Karte 1:25 000 eingezeichnet, doch auf der Karte 1:50 000 nicht zu finden ist. Zwar sind wir an dieser Stelle bereits auf Söhnstetter Markung, doch es mag den oder jenen wohl einmal interessieren, etwas über diesen Brunnen zu lesen, da er doch einige Hinweise auf die Besiedlungsgeschichte unserer näheren Heimat geben kann. Die Stelle ist geradeso gut über den Birkel her zu erreichen, also von Sontheim aus. Und die Sontheimer haben  in früheren Zeiten gerne hierher ihr Vieh getrieben wobei sie allerdings mit den Söhnstettern in Streit gerieten, wie ich später beweisen möchte.

 

Der Waldteil, in dem der Brunnen liegt, heißt „Stockhau“. Und neben der „Neuselhalder Fichte“ lesen wir auf der Gewannkarte sogar die Bezeichnung „Stockbrunnen“ was auf die Bedeutung des alten Brunnens hinweisen mag. Heute hat er diese Bedeutung verloren. Wir mussten neulich erst eine Menge vermodertes Laub und dürre Fichtenzweige wegräumen, ehe wir die alte Eichenumrandung freilegen konnten. Söhnstetter Bauern wollen wissen, dass nach zwei Lagen Eichenbalken Bruchmauerwerk kommt, das vor langen Jahren scheints einen ordentlich tiefen Brunnen  umsäumt habe. Der Brunnen liegt in einem etwa 80jährigen Fichtenbestand. Wie man mich unterrichtete, war dort, ehe diese Fichten angepflanzt wurden, lediglich eine Viehweide. Bis vor knapp hundert Jahren weidete dort oben also das Söhnstetter Vieh. Als man dann aber die Weide zum Wald machte, wurde der Brunnen überflüssig, verschüttete oder wurde z.T. von Menschenhand zugeworfen. Übrigens heißt der Platz im Munde alter Söhnstetter heute noch „Söhnstetter Viehweide“, eine Bezeichnung, die nur mündlich überliefert ist. So erzählt man sich auch in Söhnstetten, dass noch zu Urgroßvaters Zeiten mit Eimern das Wasser aus dem Brunnen heraufgezogen wurde, wenn man das Vieh tränken wollte.

 

Man fragt sich heutzutage, wieso die Söhnstetter früher den Brunnen so hoch oben angelegt haben. Weiter unten im Tale wäre es doch günstiger gewesen. Nun, wir müssen uns hierbei vor Augen halten, dass es ja auch heute noch in Neuselhalden z.B. gute Brunnen gibt, dass wir dort droben auf der Höhe wasserführende Hülben finden, die auf wasserundurchlässige Schichten hinweisen. Und eines steht ja fest, nämlich, dass zu der Zeit, als der Stockbrunnen gegraben wurde, der Wasserspiegel um einiges höher lag als heute. Denken wir an den Dudelhof mit seinem einst guten Brunnen, der stets Wasser hatte. Heute aber muß man schon bei kurzer Trockenheit Wasser auf den Dudelhof führen. Das hängt ohne Zweifel mit dem steten Absinken des Wasserspiegels zusammen.

 

Gehen wir nicht zu sehr auf die Erdgeschichte unserer Gegend ein. Das mag an einem anderen Orte interessieren.

Sicher war der Stockbrunnen eine sogenannte Zisterne, die hauptsächlich vom Regenwasser gespeist wurde, das dann durch den lehmigen Grund nicht absickern konnte, den wir dort oben antreffen. Und dann halten wir uns noch zudem vor Augen, dass damals, als der Brunnen gegraben wurde, andere Verhältnisse vorherrschten.

 

Wann wurde denn dieser Brunnen gegraben? Das ist natürlich schwer zu sagen. Niemand konnte mir darüber Aufschluß geben. Ich konnte aber durch einen glücklichen Zufall feststellen, dass der Brunnen schon mindestens an die 300 Jahre alt ist. Mir kam ein Schriftstück in die Hand aus dem Jahre 1678, also 30 Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges. In diesem Schriftstück ist der „Stockbrunnen“ bereits erwähnt. Natürlich kann er leicht noch älter sein. Nur wird er um diese Zeit wieder an Bedeutung gewonnen haben, als sich die Söhnstetter von den Schrecken des Krieges erholt hatten und als sie vor allem, genau so wie die Sontheimer, wieder Vieh auf die Weide schickten. Und weil in diesem Schriftstück auch von den Sontheimern die Rede ist, deshalb habe ich es studiert, um dann einiges im „Steinheimer Boten“ schreiben zu können.

Also haben sich im Jahre 1678 „zwischen dem Flecken Senstetten und dem zu Sontheim  im Stubental wegen des Waidganges bey dem Stockhbrunnen gegen dem überzwerchen Stubenthal Irrungen zugetragen ...“. Wenn wir statt „Waidgang“ heute Markungsgrenze ersatzweise schreiben wollen, so war obiger Umstand schon ein Grund dafür, dass von höchster Stelle eingegriffen wurde. Der „Waidgang“ war durch Grenzsteine angedeutet, zwischen denen „Lauche“ (heute Laufsteine) den genauen Verlauf der Grenze anzeigten. Oft waren diese „Lauch“-Zeichen an Bäumen angebracht, und diese Zeichen wurden von Zeit zu Zeit überprüft., ob sie, zumal ab und zu ein solcher Baum ausfiel, noch stimmten. Nun, die Sontheimer hatten scheints behauptet, dass sie mit ihrem Vieh näher an den Stockbrunnen hin weiden durften, wogegen die Söhnstetter Einspruch erhoben. So bemühte sich nun zum ersten der „Wohledelgeborene Gestrenge Herr Albrecht Schlichern, Hochfürstl. Durchl. Zue Württemberg Wohlverordneter Forstmeister der Herrschaft Haydenheim“, und zum andern der „Johann Melchior Becksen, Closterverwalter zu Königsbronn“ in die Gegend um den Stockbrunnen  hinauf, zumal man „bereits selbiger refier vor die Factory beginnet Kohlholtz zu hauen und daher die Sach länger nit zu verschieben gewesen“. Und es wurde „heut dato Augenschein in beyseyn jedesorths abgeordneten eingenommen und ist gefunden worden, dass angeregter Waydgang dem Fleckh Senstetten von gemelten Stockhbrunnen hinunder zwerchs des Stubenthals bis gegen dem Stein, so im Heugstetter Thal stehet, Einig und allein zugehörig und die zu Sontheim damit nichts zu thun haben“.

 

Also hatten die Sontheimer hier nichts zu suchen, denn es konnte an Hand der Lauchzeichen eindeutig festgestellt werden, wie der „Waydgang „ verlief. Wir finden im Schriftstück die Lauchzeichen genau beschrieben. Man könnte sich also die Mühe machen, anhand der Karte den Grenzverlauf festzulegen, wenn dies nicht zu weit führen würde. Meist waren die Zeichen an Buchen angebracht, was auf die häufigste Holzart hinweisen mag.

 

Während mehrere Male vom „überzwerchen Stubenthal die Rede ist, lesen wir auch öfters das „Heugstetter Thal“, den „Hohlweg“ und das „Schneckenthälin“. Zusammenfassend wurde dann festgestellt, dass den „Läuchen nach der „Waydgang“ zur rechten Hand denen von Senstetten und der linken Hand aber denen zue Sontheim zugehörig“ ist. Damit sind letzten Endes „beider Gemeinden zufrieden gewesen und dass dies also zur Verhüthung weiterer Strittigkeit eigenhändig unterschrieben“.

Abgeschlossen wird das umfangreiche Schriftstück mit folgenden Worten und Schnörkeln: „So geschehen den Zwey und zwanzigsten February Anno Ein Tausend Sechshundert Sibenzig Achte“. Unterschrieben ist von den beiden hohen Herren, deren Namen weiter oben zu lesen war, dann aber von „Hannß Meyer Schulthais zu Senstetten vor mich und Michel Schloritzer Bürgermeister“. Für Sontheim setzte seinen Namen drunter „Hannß Kurtz Bekenn wie obsteht (also Schultheiß) und Stoffel Klein“.

Und diesen Herren haben wir es zu verdanken, dass wir nun eindeutig wissen, dass der Stockbrunnen schon mindestens rund 300 Jahre alt ist. Wer ihn aber selbst aufsuchen will, dem steht ein schöner, sich lohnender Spaziergang bevor.

 

 

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