www.feilerseiten.de

 

Spuren auf dem Albuch

Zurück Nach oben Weiter

 

Bauer Schmohl von Küpfendorf

En Kipfadorf droba, dao isch dr Bod’ hohl,

dao ka ma verschlupfa

nao kommt dr Baur Schmohl

 

Aus dem Leben des Christian Schmohl zu Küpfendorf

Steinheimer Bote vom 5. Februar 1955, Nr. 6

 

 

Die geflickte Wagendeichsel

von Rudolf Weit, entnommen aus Texten von Sofonias Theuß

 - auch ein sprachliches Musterbeispiel des schwäbischen Hochdeutsch aus der damaligen Zeit!

 

Im „Heidenheimer Tagblatt“ war vor mehr als 20 Jahren einmal zu lesen, dass einem Holzfuhrmann, dessen Pferde auf der glatten Straße ausrutschten und zu Fall kamen, das Pech widerfuhr, dass dabei die Wagendeichsel abbrach. Es stand u.a. geschrieben, dass der Fuhrmann vom Wagen einen Eschenstamm herunternahm, diesen unter die Wagendeichsel legte und fachgemäß und kunstgerecht Deichsel und Esche zusammenband. Als er weiterfuhr, meinte er zu den Umstehenden: „I be bei de Pionier gwea. Dao hau i so ebbes glernt“.

An sich passiert solches da und dort heute noch und ist auch schon früher passiert. Man sollte deshalb davon nicht viel Aufhebens machen. Aber mir ist ein Bild in die Hand gekommen, das uns zeigt, wie auch in Küpfendorf schon einmal eine Deichsel gebrochen und fachgemäß geflickt worden ist. Aber der sie geflickt hat, war nicht bei den Pionieren gewesen, wo er solche Kunst erlernte, sondern er hat bei den Ulanen gedient – und gekonnt hat er es trotzdem. Er war halt ein Düftele, und die Not hat ihn zu solchem Tun getrieben. Auf dem Bilde ist er zu sehen, nämlich der Junggeselle und Küpfendorfer Bauer Christian Schmohl.

„Gang no zom Frisör ond laß dr d’ Hoar schneida, du laufscht ja romm wia dr Schmohl vo Küpfadorf!“ Gar mancher kennt diesen Spruch, der heute noch da und dort in unserer Gemeinde zu hören ist. Auf unserem Bilde ist zwar nichts von einem übertriebenen Haarwuchs zu sehen. Doch trotzdem haben wir den Christian Schmohl vor uns.

 

Bauer Schmohl

 

Scheints war er damals, als er auf seinem geflickten Wagen stand, noch in bestem Mannesalter. Und man meint schiergar, so ein stattliches Mannsbild hätte doch sicher ein Weib finden können, damit er nicht einspännig durchs Leben fahren müsste. Aber – um es gleich zu sagen – der Christian ist etwas überzwerch gewesen, ein „Oigener“, also kurz und gut ein rechter Sonderling. Drum hat er halt auch seine Mucken gehabt. Das wissen viele, die diesen Bericht nun lesen. Schier meint man, es hätte ihm zu keiner Leiter gereicht, denn wenn er hier gerade sein Obst heruntertut, so hat er einfach den Wagen unter den Baum geschoben. Wollte er besonders hoch hinaus, nun, so stieg er halt noch aufs Faß, und da konnte er manchen Apfel brocken. Aber alle Äpfel hat er schwerlich erreichen können. Er hat überhaupt so seine Not mit der Ernte gehabt und machte sich auch nichts daraus, wenn er jedes Jahr als letzter fertig wurde. So ist es halt gewesen. Auch kann man, wenn man einspännig ist, mit dem besten Willen nicht aller Arbeit nachkommen, die ein Bauernwerk mit sich bringt. Da müssen wir den Christian schon etwas in Schutz nehmen. Zu helfen hat er sich zwar in allen Lebenslagen gewusst, nicht bloß beim Flicken der Deichsel. Und die „Herren“ mit denen er es gerne gehabt hat, die sind oft seinetwegen in Not und Ärger gekommen.

So viel will ich gar nicht vom Christian erzählen. Das wird nun sowieso da und dort am Stammtisch geschehen. Ich habe eine ganz andere Absicht. Durch einen glücklichen Umstand bin ich nämlich zu einem Bericht gekommen, dem auch das nette Bild beilag. Und wohlgemerkt:Bild und Bericht (er ist neun Seiten lang) stammen von niemand anderem als von Sophonias Theuß. Also hat ein Sonderling über den andern geschrieben, und so etwas muß doch einmal erzählt werden.

 

Kurz nach dem 1. Weltkrieg, als so manches sehr rar war, stieg der Sophonias eines Tages den Buckel nach Küpfendorf hinauf, um sich für seinen Gebrauch einige Pfund Birnen zu erstehen. Weil man aber im Wirtshaus, wo sich Sophonias zuerst erkundigte, gerade keine feil hatte, so schickte man ihn zum Christian Schmohl. „Der hat frühe Essbirnen, und da drüben wohnt er“. So hieß es. Aber der Sophonias, obwohl er sich sonst in Küpfendorf auskannte „mit seinen derben, wetterharten und bescheidenen Menschen“ , fand den Schmohl nicht und fragte deshalb ein Mädchen im Hof des Stübers Fritz. Dieses zeigte auf ein altes Haus gerade gegenüber, aber der Schmohl sei nicht zu Hause. „Eine Frau, einen Knecht und eine Magd hat er nicht“, meinte das Mädchen weiter. „Und das Vieh versorgt er selber und die Äcker auch“. Das kam dem Sophonias doch etwas bedenklich vor und er meinte, er könne es nun wohl verstehen, dass ein so großer Misthaufen vor dem Haus sitze, dem man es ansah, dass er schon längst hätte auf das Feld geführt werden müssen. Ob er auf den Schmohl warten könne? „Da kann es 11 oder 12 Uhr in der Nacht werden, bis der kommt“, sagte das Mädchen. Und darauf wollte es der Sophonias nicht ankommen lassen, zog also ohne Birnen talwärts, wobei er dann einem Fuhrmann begegnete, der „einen feldgrauen Mantel anhatte und dessen Rößlein einen Wagen Sägmehl gen Küpfendorf zogen“. Das war dann der Christian, und der Sophonias konnte sich gleich an dessen Vater erinnern, den er in der Jugend noch gekannt hatte. Der hatte immer auf Hochglanz polierte Stiefel getragen. Man kam in ein Gespräch, in dessen Verlauf der Sophonias erfuhr, dass auch bei Schmohl die Birnen ausgegangen seien, aber unreifes Obst habe er noch genug. Er soll eben später kommen. Ob er denn beim Christian nicht den Herbstweber machen wolle? Und so hat man sich kennengelernt, und der Sophonias hat dann den Herbstweber gemacht und dabei etwas in die Haushaltung des Schmohl hineingucken können, was uns also nun zugute kommt.

 

Das war an einem 3. Oktober gewesen. Der Schmohl hatte mit der Ernte noch nicht begonnen. Obwohl das Jahr nicht gerade aus der Weise gewesen war, hatte die Ernte bei Schmohl doch erst in der Zeit zwischen 8. und 24. Oktober stattgefunden. Nun, der Schmohl hat es nicht anders getan. Er war halt ein „Oigener“. Und eine eigene „Betriebsweise“ hat er scheints auch gehabt.

Neben dem Sophonias war noch ein zweiter Herbstweber aus Gerstetten gedungen, und diese zwei haben recht und schlecht zusammen geerntet, was überhaupt zu ernten war. „Der erste Gerstenacker war von sehr magerem Bestand, wie alle Getreideäcker in der Folge. Nur ein Weizenacker, auf Heidenheimer Markung, war mittelmäßig, wurde samt Quecken- und Steppengras überreif und windtrocken gemäht und bis 24. Oktober auf „Hoiza“ gestellt“. Scheints hat der Schmohl besondere „Hoizen“ gehabt, wie der Sophonias meinte. Sie waren etwas höher als die anderen. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass allerdings der Schmohl in diesem Jahr den schönsten Weizen heimführen konnte, weil der andere verregnet worden sei. Der Weizen wurde übrigens, so, wie er aufgesammelt worden war, von Schmohl selbst, ohne dass er vorher zu Garben gebunden wurde, auf die „Hoizen“ gestellt. „Schmohl hat dabei eine besondere Begabung besessen in seiner bekannten Seelenruhe und seinem gemächlichen, langsamen Arbeitstempo“. Und der Weizen ist dann auch, ohne gebunden zu sein, heimgeführt worden, was das Abladen nicht gerade zu einer Freude machte. Schmohl ist beileibe nicht immer bei der Ernte anwesend gewesen. Irgendwo hat er immer etwas zum Herumstreiten gehabt, ist morgens mit dem Spazierstock losgezogen und abends heimgekommen. Und dem Sophonias wurde eine besondere Ehre zuteil, dass ihm der Schmohl nämlich die Pferde und den klapprigen Wagen – wir sehen die gebrochene Deichsel – anvertraute. Aber wenn man dann den Tag über nicht einmal eine Mittagspause einlegte, so musste man mit der Zeit doch auch fertig werden. Und wenn auch die Küpfendorfer schmunzelten, so führte man doch die ganze Ernte mit der gebrochenen Deichsel ein. Wochen und Monate ist man so herumgefahren – auch eine Kunst, wie Sophonias meinte, zumal das Geld so knapp war beim Christian. Und das Geld war halt nun einmal das wenigste. Woher sollte es auch gekommen sein? Man hat es den Christian scheints da und dort merken lassen. Aus der Ruhe brachte ihn aber niemand. „Schmohl war frei vom Strebergeist und zog in armer Bescheidenheit seinen herben Weg weiter und nahm von seinen Feldern, was ihm Gott und der Himmel wachsen ließ und wenn es nicht viel war, so war es wenig ...“ Das hat er schön gesagt, der Sophonias, fast wie ein Dichter. Ich meine, so kann man es auch nennen, wenn es sich um einen wie den Christian Schmohl handelt. „Es nahm von seinen Feldern, was ihm Gott und der Himmel wachsen ließ“. Mehr wollte er jedenfalls gar nicht, denn er war ja frei vom „Strebergeist“.

 

Scheints musste der Schmohl am 24. Oktober mit der Ernte fertig sein. So wollten es der Schultheiß, der Oberamtmann und der Kommunalvorstand. Am Abend dieses Tages stand der Hof voll mit den letzten Weizenwagen, aber der Christian hat keinen Telefonanschluß mehr zu den beiden obigen Herren bekommen und hat es erst am nächsten Morgen melden können, dass Sichelhenke ist. Und am 26. Oktober wurde dann zur Feier des Tages Obst gebrochen und das umseitige Bild gemacht. Das war also 1919. Der Sophonias hat aber einen schönen Stumpen Äpfel und auch Holz mitbekommen. Und der Gärtner Ihle hat noch einen Traubenstock hinterdrein gebracht. Sogar ein Zibartenbaum war dabei.

 

Durch die Inflation ist es auch nicht besser geworden. „Es ging bergab zu Tal“, schreibt der Sophonias. Er hat seinen Freund natürlich noch öfters besucht und ihm auch hie und da geholfen. Da hat er den Christian einmal gefragt, warum er denn keine Hühner halte. Da gäbe es doch ab und zu einen Braten und ein frisches Ei. Der Christian meinte darauf: „Dia holt mr doch dr Fuchs ond für Jonggesella send se au gar net gsond“. Aber der Sophonias hat schon gewusst, warum er nach den Hühnern fragte. Der Christian war nämlich einer, der im voraus kochte, gleich für eine ganze Woche oder noch länger, und zwar meist „Knöpfla“. In der alten, rußigen Küche stand er dann am Tisch und zeigte seine Kunst auf diesem Gebiete. Sophonias meinte: „Ich dachte immer darüber nach, warum bei ihm die Knöpfla so stahl- oder eisenblau ausgesehen haben  und so bockelhart gewesen sind. . Natürlich, weil er keine Eier dazu nahm! Aber vielleicht kommt die Farbe auch von dem alten, eisernen Kochkessel!“ Das kann man natürlich nicht wissen. Bescheiden ist er stets gewesen, der Christian. Und schleckig schon gar nicht. Nun, vom Vater hat er nichts mitbekommen, höchstens Schulden, wie er dem Sophonias gesteht.

 

Man soll ja nicht meinen, der Schmohl sei auf der faulen Haut gelegen. Er war immer mit etwas beschäftigt. Selbst nach Feierabend konnte er noch spät abends seinen Stock ergreifen und in das Dorf oder die Stadt wandern. Manchmal war er aber auch noch in Oberkochen bei seiner Schwester, ging abends um 8 Uhr zuhause weg und kam spät nachts wieder zurück. Dann ging er natürlich nicht mehr ins „Bett“, sondern legte sich im Stall auf die alte Futtertruhe und war so bei seinen lieben Tieren – die einzigen Lebewesen, die er gern um sich duldete. Meist kochte er gleich nach seiner Rückkehr seine Knöpflesuppe, spät nach Mitternacht.

 

Als Schmohl mit den Jahren krank wurde, war er ein bedauernswertes Menschenkind, einsam, arm, verlassen. Neben dem alten Ofen in der kargen Stube, in der dürftig einige wackelige Möbel standen, war sein sogenanntes Bett aufgestellt. Auf einer Truhe in der Nähe lag ein Stümpchen Mehl und etwas Dörrobst; einige Äpfel waren in Griffweite und ebenso sein derber Stock. „Mit deam muaß i bei Naacht d’ Mäus verjaga, dass se me net vollends ausplendered!“ Und der Kopf des Patienten war dick verhüllt. Mit dem Bettzeug sah es aber lätz aus. Was noch brauchbar war, benützte der Herbstweber, der im Nebenhäuschen wohnte.

 

Erschüttert erzählt Sophonias Theuß, als er ihm, dem kranken Christian, ein Gläschen Honig en d’ Kra’ket brengt“, wie er den armen Verlassenen bedauert. Und er schreibt zum Schluß: „Wenn irgendwo im Weltall ein Gott als Weltenschöpfer auf all die menschlichen Dinge und Geschehnisse Macht und Einwirkung hat, an was ja schließlich ein kernfester, guter Christ nie zweifeln sollte, so wäre es nur das eine, was ich von Gott erbitten und erflehen möchte: Daß er mich in Zukunft nicht in die gleiche Trübsal und die dieselbe arme und unbeschreibliche Trostlosigkeit versetzen möchte, als wie einst den alten Christian Schmohl“.

 

Hat er am Ende schon etwas geahnt? Fast möchte man es meinen. Dem Christian Schmohl aber sei trotz allem unser Gedenken sicher. Er ist ja schließlich nicht der einzige, dessen „Deichsel“ am Wagen, auf dem er durchs harte Leben fuhr, gebrochen ist. Er hat es halt nicht mehr fertig gebracht, sie so zu flicken, dass er wieder bergauf fahren konnte. Und drum ist es mit ihm bergab gegangen.

 

 

Zurück Nach oben Weiter