Das Rentier ist nur ein Fragment, es
ist auf dem Rücken punktiert, am Rippenbogen und am hinteren Unterleib
befinden sich Linien-Flächen.

Der Höhlenbär? Er scheint nur glatt
bearbeitet zu sein. Ist er nicht vollendet?

Der Panther ist weitgehend
punktiert, im Nacken befinden sich Querlinien.

Der Höhlenlöwe ist auf dem Rücken
und an den Schenkeln mit deutlichen Punktlinien versehen. Am Rippenbogen,
zwischen Vorder- und Hinterkeule befindet sich ein Kreuzlinien-Feld.

Der Bison ist im Brustbereich und
auf dem Rücken punktiert. Im Nacken-Kopfbereich befinden sich 7
Querlinien, dahinter eine genau ausgearbeitete Hand und eine runde Fläche
mit zwei „Hörnern“*(negativ), - (siehe nachstehende Ausführungen des Prof.
Karutz).
*Man kann sich an die Darstellung des Moses
mit Hörnern durch Michelangelo erinnert fühlen.

Als zusätzliche Information dazu:
Den auf einer Kniescheibe eines Wildpferdes
dargestellten Mammut ziert eine 3-Linien-Fläche (nicht abgebildet)
Am linken Oberarm des „Löwenmenschen
vom Hohlensteinstadel“ finden wir eine 7-Linien-Fläche, und die
Knochenflöte aus dem
Geißenklösterle zieren 7 (evtl. 8?) Querlinien.
Zu diesen „Verzierungen“ finden wir bei
Prof. Dr. Wilhelm Karutz, (damals Leiter des Lübecker Museums für
Völkerkunde) „Die Ursprache der Kunst“ Verlag von Strecker und Schröder,
Stuttgart, 1934, Seiten 43 ff und Tafel 1 und 3, folgende Ausführung,
wobei Karutz von altsteinzeitlichen Höhlenzeichnungen oder -Malereien
ausgeht:
„Leiber von Büffeln, Pferden, Elefanten,
Löwen sind teilweise schraffiert oder punktiert oder in helle Flächen
gefeldert, weil das innere Künstlerauge die Adern und das Netz der
geistigen Lebensströmung in den Körpern durchschimmern, die Lichtkräfte im
Innern arbeiten sah. ...Die Punktierung (Tafel 3, b aus Marsoulas, nach
Breuil) findet sich bei den südlichsten Ausläufern der altsteinzeitlichen
Kunst, den Buschmännern Südafrikas wieder. ...
Die scheinbar nur „sensorische“, d.i. mit
physischen Sinnen die physische Wirklichkeit nachzeichnende Kunst des
Palaiolithikon, ist zugleich eine „imaginative“, d.h. mit übersinnlicher
Wahrnehmung die geistige Wirklichkeit erfassende. Wahre Kunst kann gar
nicht anders als imaginativ sein, und je älter sie ist, desto klarer und
umfassender ist sie es, weil sie dem Geiste näher ist. Die
altsteinzeitliche Kunst ist in diesem guten Sinne alt und geistnah. Nichts
beweist besser den Irrtum von der Tierhaftigkeit des Urmenschen, von dem
allmählichen Entstehen der Kunst aus tierhaftem Instinktspiel, von der
sinnlich-brutalen Diesseitigkeit der Primitiven als die Malerei der
Palaiolithiker, deren Zivilisation so bescheiden wie denkbar war. Äußere
Dürftigkeit verträgt sich mit innerem Reichtum wie heute so damals. ...
Der Palaiolithiker besaß Mysterienstätten,
an denen er von geistigen Führern in Sinn und Notwendigkeit der Erde
eingeführt und zugleich in Frommheit, Ehrfurcht und Wissen vom
allwaltenden Geiste erhalten wurde; Stätten, die sie ihm mit
Anschauungsbildern aus der vom Geist geschaffenen und belebten Umwelt
schmückten.
Damit sind wir bei der Bedeutung der
altsteinzeitlichen Höhlenkunst. Diese Kunst ist schön und wahr, sie ist
zugleich zweckhaft. Sie kommt aus übersinnlichem Schauen und geht zum
sinnlichen Wollen. Sie ist von - über ihre Zeit hinaus - hoch
entwickelten, geist-inspirierten Menschen, die in beide Welten, die
übersinnliche wie die sinnliche, eingeweiht waren, sichtbar hingestellt,
damit die erdjungen Seelen sich an dieses Dasein gewöhnten und es lernten,
sich auf der Erde umzuschauen, zurechtzufinden, zu behaupten. Hinter der
lebenswahren Kunst steht ein lebensbejahender Impuls von Mysterien, die
eine gäische Aufgabe, eine Erdenaufgabe, die Aufgabe der Erziehung zum
Leben auf der Erde, zu erfüllen hatten. Dieses Leben war damals nur mit
Hilfe der Jagd möglich, es verlangte also Kenntnis des Wildes, Schärfe des
physischen Auges, Übung der Fangmethoden. Die Kunst schuf mit an der Jagd,
nicht schuf die Jagd etwa als instinktive mechanische Reizwirkung die
Kunst. Die Mysterienführer bedienten sich ihrer als eines
Anschauungsmittels bei der Erziehung der Stammesgenossen zu den
notwendigen seelischen und leiblichen Fähigkeiten, und weil sie selbst
Einblicke in die geistige Welt besaßen, darum konnte die Kunst so
plötzlich in ihrer Vollendung dastehen; sie brauchten kein allmähliches
Hineinsehen in Zufallslinien, sie sahen das fertige Bild innerhalb ihres
eigenen geistigen Blickfeldes.
... Wir müssen festhalten, dass die
Altsteinzeit in bezug auf die Mysterien, jene Quelle der
Urweisheitsvermittlung an die Menschheit, noch nicht entartet war, und
dass wir i h r e m Bewusstsein, nicht nach dem h e u t i g e n
Aberglauben uns richten müssen. Und da spricht tatsächlich alles dafür,
dass die Höhlen und Felsenplätze mit Wandbildern samt und sonders, von
Westeuropa bis Südafrika, echte Mysterienstätten gewesen sind, echte, das
will sagen, Hüter der Urweisheit, Mittler des Wissens von der geistigen
Welt, Erzieher ... zur Reife für das Leben ...
Denn die Mysterien waren gäische, waren
Mysterien des Erdenleibes; ihre Schule lehrte die Erde und den Erdenleib
des Menschen; ihre Schulung weckte die physischen Sinne; ihre Methode war
die Anschauung...
Der richtunggebende Wille des
Mysterienführers schlug in den objektiv vorhandenen geistigen Strom
zwischen Mensch und Tier hinein und entband aus ihm das magische
Geschehen. Er wird auf den Höhlenbildern, schon auf den ältesten, durch
die Zeichnung der menschlichen Hand ausgesprochen. Die Hand neben den
Tieren ist das menschliche willenshafte Seelenelement neben dem von seiner
Gruppe geleiteten tierischen Seelenelement; (die Hand) ist das menschliche
Wollen zum magischen Geschehen neben dem Lebenselement, in welchem das
Geschehen abläuft. Hellfarbig hebt sich die Hand (Tafel 1, a) gegen den
dunkleren Grund ab, lichtvoll, bedeutungsvoll als Willensträger gegenüber
dem Tier, letzten Endes freilich auch gegenüber der eigenen seelischen
Entwicklung vom Tierhaften zum Menschenhaften ...
Die Gewissheit von diesem Strom geistigen
Lebens zwischen Mensch und Tier sicherte die Gewissheit auch vom äußeren
Jagderfolg, stärkte Vertrauen, Bewusstheit, Fähigkeiten und bereitete den
Boden für die technische Erziehung zum Jäger. Die Wirtschaftsform des
Jägertums wurde geboren.
Neben den Anschauungsbildern und den
Übungen waren Lehrmittel der Mysterien das Wort, die Musik, der Tanz, die
Maske ...“